Rezi: Der Hobbit (USA 2012)

Jede gute Geschichte hat es verdient, ausgeschmückt zu werden. Das zumindest glaubt Peter Jackson, der dies zur argumentativen Verstärkung auch gleich Gandalf selbst in seiner Filmadaption von Tolkiens THE HOBBIT sagen lässt. Über die Plausibilität dieser Aussage lässt sich jedoch streiten. THE HOBBIT ist bekanntermaßen Tolkiens erster Ausflug in die Welt von Mittelerde, ein Testballon, der sich primär an ein jüngereres Publikum richtet und in Sachen Komplexität und Dramatik bewusst deutlich schlichter als die berühmtere Nachfolgetrilogie ausfällt.
Jackson jedoch plante, aus der Vorlage ein würdiges Prequel zu seinen drei Hitfilmen zu machen und walzte die dünne Geschichte so stark aus, dass sie, angereichert mit Material aus dem HERR DER RINGE-Anhang, ein runde neun Stunden langes und wieder auf drei Filme verteiltes Epos ergaben, dessen erster Teil gerade erfolgreich in den Kinos startete.
Und um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Dieses Streckung des Materials merkt man dem Film gerade in der ersten Hälfte auch überdeutlich an. Schon die visuell höchst beeindruckende Eröffnungsszene ist eine fast unsinnig fett aufgeblähte Banalität: Den Zwergen geht es in ihrem unterirdischen Königreich richtig gut, sie schwimmen geradezu buchstäblich in einem Meer aus Goldmünzen. Da kommt der böse Riesendrache Smaug, der auch auf Gold und Glitzer steht, speit Feuer, röstet einen Großteil der Zwerge, vertreibt den Rest und macht sich’s in den verlassenen Hallen gemütlich. Soweit, so mäßig interessant, erzählt wird dieser Vorfall, den man bequem später hätte kurz schildern können, in einer turbulenten Sequenz aus Kamerafahrten durch die ziemlich beeindruckende Zwergenarchitektur, derweil ein Erzähler das Ohr des Rezipienten mit in ergriffen brüchiger Stimme vorgetragenen Details über auch später offenbar nicht relevante Personen und mysteriöse Funde strapaziert.
Nach dieser Achterbahnfahrt der Gefühle geht’s für die nächste Stunde sehr viel gemächlicher weiter. Die Zwerge wollen nämlich ihr schönes Domizil zurück, ein Vorhaben, das von ihrem guten Kumpel Gandalf unterstützt wird. Dieser glaubt seltsamerweise, dass dieser Unternehmung die Mitwirkung eines Hobbits sehr zuträglich wäre, und dieser Hobbit ist niemand anders als Frodos guter alter, hier dann eher junger Oheim Bilbo. Und um diesen zur Kooperation zu bewegen, halten Gandalf und seine kleinwüchsigen Freunde es offenkundig für eine gute Idee, bei Bilbo vorstellig zu werden, sich selbst in dessen bekanntermaßen sehr gemütliche Bude einzuladen und dann die vorhandenen Vorräte zu plündern. All dies wird mit der epischen Grandezza eines Asterix-Comics erzählt und inszeniert, nicht nur die Zwergenfrisuren erinnern an die gallischen Rabauken. Schon eine dreiviertel Stunde, gefüllt mit Spaß, Gezeter und zweifelhaften Kalauern, später beginnt dann das Abenteuer, und am Ende des Filmes ist man immerhin weitergekommen.
Trotz des offenen Endes kann die zweite Hälfte des Filmes durch stärkeren Fokus sowohl auf die Geschichte und ihre Einbettung ins Herr der Ringe-Universum als auch auf dramatische Auseinandersetzungen der spektakulären Art punkten. Schon in Bruchtal, wie im ersten HERR DER RINGE der Wendepunkt der Reise, treffen wir alte Bekannte und mit ihnen vertraute Storyelemente sowie musikalische Themen. Durch Verweise auf kommende Ereignisse legt sich ein subtil drohender Schatten über die bisherige heitere Ausgelassenheit, auch wenn die Atmosphäre weiterhin deutlich unbeschwerter als in der Nachfolgetrilogie bleibt. Es geht halt „nur“ um das Schicksal eines fremden Zwergenvolks, der Heimat des Titelhelden droht keine Gefahr. Wenn es etwas an der zweiten Filmhälfte auszusetzen gibt, dann die geradezu unverhältnismäßige Actionlastigkeit. Die Heldengruppe gerät von einer Krawallszene in die andere, von denen einige trotz großartiger Schauwerte durchaus verzichtbar scheinen. Die Begegnung mit den Felsgiganten zum Beispiel fügt der Erzählung nichts hinzu außer zusätzlichen Rabatz, die Flucht aus der Goblinstadt nimmt in ihrer Übertreibenheit schon cartooneske Qualitäten an, mal wieder fühlt man sich an die schon erwähnten Gallier erinnert. Großartigen Unterhaltungswert bieten diese Szenen natürlich allemal, aber es fehlt das Gefühl aus HERR DER RINGE, einem echten und sich ernst nehmendem Epos beizuwohnen. Dieses vertraute Gefühl stellt sich dafür bei der ersten Begegnung mit Gollum ein. Diese von Martin Freeman und Andy Serkis fantastisch gespielte Szene wagt einen Balanceakt zwischen Komik und Bedrohung und meistert diesen mit Bravour.
Generell entlässt der Film den Zuschauer versöhnt, nach einer atemberaubenden finalen Auseinandersetzung verabschiedet sich DER HOBBIT mit einer gelungenen Verheißung auf die Weiterführung des Abenteuers. Das musikalische Hauptmotiv des Streifens erklingt in Liedform über den Abspann, ganz wie gewohnt, und tröstet ein wenig über die Unausgewogenheit der beiden Filmhälften hinweg. Es bleiben aber ambivalente Gefühle zurück, allen voran die Frage, warum eigentlich die Geschichte nicht wie im Buch und in einem Film erzählt wurde, warum hier unbedingt wieder ein Epos entstehen musste. Ein anderer, unvorbelasteter Regisseur wäre hier vielleicht wirklich der geeignetere Mann gewesen und hätte der Kinderbuchvorlage gerechter werden können. Manchmal braucht man auch den Mut, Kleines klein zu lassen.