Rezi: Les Misérables (UK; 2012)

He slept a summer by my side
He filled my days with endless wonder
He took my childhood in his stride
But he was gone when autumn came

In einem denkwürdigen Kontrast zur Gesamtinszenierung präsentiert Regisseur Tom Hooper das wohl bekannteste Lied des Musicals LES MISÉRABLES, das im Film von Anne Hathaway gesungene I DREAMED A DREAM. Während das mittlerweile mit drei Oscars bedachte Musical-Drama fast durchweg auf die ganz großen Bilder, den aufrührerischsten Pathos und die überschäumendste Liebe setzt, fängt Hooper das Klagelied der aus Geldnot zur Prostitution gezwungenen Fantine in einer höchst intim wirkenden Einstellung ganz nahe am Gesicht der Darstellerin ein, die derart ergreifend spielt, dass es dem Zuschauer schier das Herz zerreißen möchte. Musik, Text, Schauspielkunst und Inszenierung bilden in dieser Szene eine Symbiose von später nicht mehr erreichter Intensität. Das soll den Rest des Filmes keineswegs schmälern, stellt I DREAMED A DREAM doch einen emotionalen Anker dar, der das Gesamtwerk trotz des gelegentlich überbordenden Pomps nie allzu weit vom Herzen des Publikums treiben lässt, eine gewisse Musical-Affinität desselben vorausgesetzt.
Wer gesungene Dialoge hingegen als unpassend oder gar störend empfindet, wird hier ein zweieinhalbstündiges Martyrium erleben, denn LES MISÉRABLES ist ein Sing-Through-Musical, wirklich gesprochen werden lediglich eine Handvoll Sätze. Dieser Umstand fordert der prominenten Besetzung einiges ab. Gelegentlich zu viel, denn gerade Hugh Jackman und Russel Crowe mögen großartige Schauspieler sein, der Gesang hingegen ist nicht gerade ihre größte Stärke. Gesangsunterricht versetzte sie zwar in die Lage, die Töne überhaupt zu treffen, doch ihre insbesondere in den höheren Tonlagen dünnen Stimmen stehen im offensichtlichen Gegensatz zu ihrem parallel gezeigten mimischen Talent. Durchweg überzeugen können hingegen die Darstellerinnen, allen voran Anne Hathaway, die mit ihren wenigen Szenen, darunter der oben erwähnten, nachhaltig in Gedächtnis und Herz haften bleibt. Doch auch die in viel zu vielen schlechten Filmen verheizte Amanda Seyfried brilliert als Cosette, Tochter der tragischen Heldin Fantine.
Regisseur Tom Hooper erweist sich wie schon in seinem Vorgängerfilm THE KING’S SPEECH als ausgesprochen fähig, seinen Schauspielern inmitten des Ausstattungsprunks beeindruckende Leistungen zu entlocken und ihre Charaktere trotz des artifiziellen Musical-Ambientes zu glaubwürdigen Personen zu entwickeln. Dennoch muss gesagt werden, dass bei einer Musical-Verfilmung wie dieser die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern nicht vornehmlich auf den Schultern des Regisseurs lastet. Wer erinnert sich bei MY FAIR LADY schon an die Regieleistung George Cukors? Was haften bleibt sind natürlich eher die Geschichte, die Charaktere und vor allem die grandiosen Songs, sprich, die Vorlage. LES MISÉRABLES hat derer gleich zwei: Victor Hugos Roman, in Deutschland bekannt als DIE ELENDEN, dürfte sicher zu den berühmtesten Werken der Literaturgeschichte überhaupt gehören, auf jeden Fall gehört es zu am häufigsten verfilmten. Im Herbst 1980 feierte eine Musicaladaption in Paris ihre Uraufführung, die dann 1985 in Englische übertragen wurde. Diese englische Fassung ist die Grundlage für die Verfilmung, was ein wenig schade ist, denn die englische Sprache ist dem Lokalkolorit des Filmes nicht gerade zuträglich. Auf der anderen Seite ist dem nichtfranzösischen Publikum dadurch der Wortwitz zugänglicher, und die Texte haben es wahrlich verdient, verstanden zu werden. Vom tränendrückenden I DREAMED DREAM über das schwarzhumorige MASTER OF THE HOUSE bis zum politischen RED AND BLACK erweisen sich Herbert Kretzmers Lyrics als perfektes Vehikel, um Victor Hugos Romanhandlung ins Medium Musical zu überführen. Die kongeniale Partitur von Komponist Claude Michel-Schönberg (MISS SAIGON) zaubert darüber einen schwungvollen Melodienrausch, der sich weniger bei aktuellen musikalischen Trends bedient, sondern seine Inspirationen bei klassischeren Quellen sucht. Manches Stück wäre in den Opern und Operetten eines Jaques Offenbach gut aufgehoben, wohingegen andere Lieder der Feder von Rodgers & Hammerstein (SOUND OF MUSIC) entflossen sein könnten. Und in den Chor DO YOU HEAR THE PEOPLE SING?, ein Stück voll von revolutionärem Feuer, mischt sich ganz keck eine markante Tonfolge aus der Internationale. Gemein ist den Songs ein starker Ohrwurmcharakter, der Hang zur Größe und zur Euphorie und die atmosphärische Wandelbarkeit der musikalischen Motive. So kann ein zartes Liebesthema in verändertem Kontext eine halbe Stunde später auch schon mal als Basis für eine dramatische Abschiedsszene dienen. Wer sich auf die Musical-Interpretation einer so ernsten und dramatischen Geschichte einlassen kann, wird von LES MISÉRABLES’ dicht geknüpftem Lieder- und Klangteppich emotional ordentlich durch die Mangel genommen und schlussendlich geplättet entlassen.
Die Kraft und Gefühlsgewalt, die Liedern, Inszenierung und Darstellerleistungen innewohnt, verdrängt die durchaus vorhandenen Schwächen des Filmes aus dem Aufmerksamkeitsradius des Zuschauers und verleiht der immer noch höchst relevanten Romanhandlung Victor Hugos eine solch sprühende Vitalität, wie man es angesichts des Reigens bisheriger und fast durchweg hervorragender LES MISÉRABLES-Verfilmungen nicht für möglich gehalten hätte. So wird aus der Entertainmentidee „Musical-Adaption“ ein sinnvolles, fürs Publikum regelrecht euphorisierendes Alleinstellungsmerkmal.

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