Rezi: Elysium (USA; 2013)

Subtil ist sie gerade nicht, die mit grober Kelle ausgeteilte Schelte am Egoismus der westlichen Wohlstandsgesellschaft in Neill Blomkamps ELYSIUM. Was in Blomkamps Vorgängerprojekt, dem preisgekrönten Big-Budget-Independentfilm DISTRICT 9, noch mit viel (schwarzem) Humor und diversen hintergründigen Anspielungen angerichtet wurde, steht in ELYSIUM schwarz-weiß gemalt und todernst inszeniert im Mittelpunkt eines spektakulären Science-Fiction-Actioners, der, soviel sei schon verraten, immerhin blendend zu unterhalten vermag. Die Ausbeutung, Ausgrenzung und Entrechtung der ELYSIUM-Welt mögen etwas sehr simpel und undifferenziert dargestellt worden sein, die Geschichte vom unterdrückten und geschundenen Working-Class-Hero, der sich gegen das System erhebt, verfehlt ihre Wirkung dennoch nicht. Matt Damon verkörpert den glaubwürdigen und gerade in der ersten Filmhälfte auch sympathischen Filmhelden Max da Costa, der ambivalent genug gezeichnet wurde, um in der dreckigen Slumwelt, als welche die Erde im 22.Jahrhundert dargestellt wird, nicht unpassend strahlend herauszufallen. Ziel seiner Sehnsüchte ist die gigantische Raumstation Elysium, eine Art orbitaler Gated Community, in der es weder Hunger noch Verbrechen gibt und alle Arten von Krankheiten und körperlichen Gebrechen mittels Heilbett kuriert werden können. Gerade letzterer Aspekt wird für Max sehr interessant, bei einem Arbeitsunfall stark verstrahlt hat er ohne High-Tech-Hilfe nur noch fünf Tage zu leben. Der Weg ins Elysium ist selbstverständlich mit Hindernissen reichlich gespickt, unter denen die Distanzüberwindung sich noch als eines der geringeren erweist. Denn die Bewohner des High-Tech-Paradieses möchten ihren Wohlstand natürlich nicht an Massen schmutziger Afrikaner, sorry, Erdenbewohner verlieren und greifen bei der Besitzstandswahrung zu rabiaten Mitteln.
Dank dieser kann sich ELYSIUM in ein attraktives Gewand aus stylishen Mecha-Apperaturen, feurigen Explosionen und im Kugelhagel zerberstendem Inventar hüllen, mit dem sich der Film der Konkurrenz zu seriösen, der Thematik möglicherweise gerechter werdenden Arthouse-Produktionen entzieht und sich eher dem Kampf mit den TRANSFORMERS und PACIFIC RIMs dieser Welt stellt. Und siehe da, verglichen mit der hirnzerbröselnden Dummheit eines TRANSFORMERS 2 oder eines BATTLESHIP steht ELYSIUM inhaltlich sehr gut da. Natürlich macht es Bloomkamp sich ein wenig einfach, wenn er seinen Realschüler von Film in den Wettbewerb mit Hauptschulverweigerern schickt, aber wenigstens hat er seinen Schützling soweit fit gemacht, dass er sich wehren kann, wenn ihm die düpierten Konkurrenten den Schlüpfer über den Kopf ziehen wollen.
Wenn es in ELYSIUM kracht, dann wirklich ausgesprochen spektakulär. In anderen Filmen mögen zwar die Explosionen ausufernder, der Bodycount höher oder die Roboter größer sein, Bloomkamps Inszenierung macht aber aus jeder Auseinandersetzung ein mitreißendes, fantastisch choreografiertes Ereignis von fiebriger Intensität. Die Kamera wackelt dabei gelegentlich schon deutlich, ihre Bewegungen wurden aber derart geschickt in die Sequenzen montiert, dass die Übersicht nie verloren geht.
Inhaltlich läuft ELYSIUM seinem Regisseur und Drehbuchautor mit fortschreitender Laufzeit hingegen etwas aus dem Ruder. Spätestens wenn sich der Film seinem Finale nähert, verzichtet das Drehbuch fast vollständig auf sinnvolle Erklärungen und Motivationen und lässt Helden und Antagonisten sich ihren Weg zum Ziel, Elysiums Zentralcomputer, einfach freiballern. Die Lösung des Konflikts erscheint dann auch als Deus Ex Machina und mündet in einem allerliebsten Happy End. Ende gut, alles gut? Könnte man trotz aller Kritik fast dennoch sagen, schließlich prescht der Film mit hohem Tempo nach vorn, die Story bleibt stets spannend, die Charaktere interessant. Nun, zumindest die meisten: Max‘ Buddelkastenfreundin und Irgendwie-Love-Interest Frey ist eine ganz grauenhafte Figur, völlig eindimensional als ewig bangende und leidende Mutter angelegt, frei von komplementierenden Eigenschaften. Und als wenn Max‘ Strahlenkrankheit als Auslöser für menschliches Drama nicht reichen würde, hat Frey auch noch eine läukemiekranke Tochter im Endstadium, deren Dialogzeilen selbst den hollywoodüblichen Kitsch- und Manipulationsrahmen zum Bersten bringt. Ganz übel und eigentlich nur noch schäbig zu nennen.
Jodie Fosters Charakter als zentrale Antagonistin hätte sicher auch noch ein paar Persönlichkeitsfacetten mehr vertragen können, funktioniert als konsequente Pragmatikerbitch aber doch recht gut.
Genauso wie auch ELYSIUM als Ganzes recht gut funktioniert. Angesichts des hervorragenden DISTRICT 9, der die Mischung aus Gesellschaftskommentar, Unterhaltung und Krawall deutlich zwingender und eleganter hinbekam, ist die dezente Enttäuschung über den doch recht platten ELYSIUM nicht ganz zu verhehlen. Ähnlich wie nach OBLIVION bleibt die Erkenntnis, sich zwei Stunden gut unterhalten zu haben, aber auch das flaue Gefühl, dass hier ein großer Film am Ziel vorbeigefahren ist.

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