Rezi: Prometheus (USA, 2012)

Viel wurde geschrieben im Vorfeld des Starts von Ridley Scotts Irgendwie-doch-ALIEN-Prequel PROMETHEUS, vor allem eins: Die Erwartungshaltung der Fans sei so hoch, Scott könne sie mit seinem SciFi-Comeback gar nicht befriedigen. Diese Aussage entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung, denn die Vorfreude auf den Film wurde durch eine sehr clevere und wirkungsvolle Marketingkampagne, die z.B. erstmalig Teaser zum Trailer enthielt, und vollmundigste Worte von Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten so extrem geschürt, dass alles weniger denn ein epochales Meisterwerk von vielen Fans als große Enttäuschung verbucht werden würde.

Der Film feierte Premiere, die ersten Rezensionen trudelten ein, der Tenor war vorsichtig positiv, kein Meisterwerk, man hätte wohl doch etwas zuviel erwartet.
Der Fußball-EM sei Dank durfte sich der deutsche Kinogänger zwei Monate nach dem internationalen Start und vom Versuch, sich durch Rezis und immer längere Trailer nicht spoilern zu lassen, emotional ordentlich durchgeknetet, selbst von den Qualitäten des 130 Millionen US$ teuren Genre-Events überzeugen. Würde der Film den Erwartungen gerecht werden?
Kurz und enttäuschend: Er wurde nicht! Das wäre nicht unbedingt schlimm, wer nach Großem strebt, der kann leicht scheitern, und ambitioniertes Scheitern führt regelmäßig zu hochinteressanten und beeindruckenden Resultaten, man denke an John Woos ausufernden, zerfahrenen und dennoch faszinierenden BULLET IN THE HEAD. Doch bei Lichte betrachtet entpuppten sich die Ambitionen Scotts und seiner Drehbuchautoren als Luftschlösser und Traumtänzereien. „Stell dir vor, du triffst Gott, und Gott ist der Teufel!“, so fabulierte Executive Producer Michael Ellenberger, eine geheimnisschwangere Verbalkaskade, welche die im Endeffekt eher banale Menschen-vs.-böse-Außerirdische-Geschichte im Vorfeld aufzuwerten trachtete. Die sich im Film manifestierenden Ambitionen sind nicht groß, der simple Plot wurde mit gängigen und gar nicht neuen Genrestandards angedickt, so dass der erhoffte große Wurf nie wirklich realistisch war. Das mag man bedauern, das Potential zu einem richtig guten Science-Fiction-Thriller war aber immer noch vorhanden. Schließlich zeichnen sich die klassischen vier ALIEN-Teile auch nicht unbedingt durch ungeahnte inhaltliche Innovationen, sondern vor allem durch Atmosphäre, Design und prägnante, glaubwürdige Charaktere aus.
Die Charakterkonstellation von PROMETHEUS scheint dann auch recht offensichtlich der von Scotts eigenem ersten ALIEN entlehnt zu sein. Leider wurde nicht berücksichtigt, dass die Figuren aus ALIEN unterbezahlte, mäßig motivierte Arbeiter sind, die gegen ihren Willen auf dem außerirdischen Planeten landen. Die relevanten PROMETHEUS-Charaktere hingegen sind gut bezahlte Wissenschaftler, die mit dem Ziel die Reise antreten, den Ursprung der Menschheit auf einem fremden Planeten zu entdecken. Da verwundert es schon, dass von den beiden Expeditionsleitern abgesehen kaum jemand den nötigen Enthusiasmus zeigt, ja, den Expeditionen auf dem Planeten dann sogar mit Ablehnung und stetigem Genörgel begegnet. Wüsste man’s nicht, käme man nie darauf, dass diese den unglaublichen Entdeckungen so auffällig gleichgültig gegenüberstehenden Pappnasen Wissenschaftler darstellen sollen.
Auch abseits der unglaubwürdigen Charaktere lassen sich massive Implausibilitäten kaum übersehen, deren Hauptärgernis darin besteht, dass sie leicht und ohne negative Auswirkungen auf das Gesamtkonstrukt zu beheben gewesen wären. Und hier liegt auch das Grundübel von PROMETHEUS: Der Film scheitert nicht an seinen gigantischen Ambitionen, sondern am Pfusch im Detail. Warum hochbezahlte Drehbuchautoren nicht bemerken, was Zuschauern bei der Erstsichtung auffällt, ist kaum begreiflich.
Die herbe Kritik am Inhalt ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem filmischen Totalausfall: Ridley Scott inszeniert den Film dramaturgisch straff, atmosphärisch dicht und mit einer visuellen Wucht, die eines Meisterwerks würdig wäre. Als erster 3D-Film begeistert PROMETHEUS durch konsequent durchkomponierte, in die Tiefe gestaffelte Bilder, bei denen die Räumlichkeit den ohnehin schon beträchtlichen Effekt der eindrucksvollen Optik noch einmal erheblich steigert. In Kombination mit einem erlesenen Setdesign, welches des öfteren bekannte Giger-Elemente einbindet, aber auch eigene Akzente setzt, entfaltet sich ein betörendes visuelles Erlebnis, das sich durchaus als düsteres Gegenstück zum fantastisch bunten Dschungel Pandoras in James Camerons 3D-Meilenstein AVATAR interpretieren lässt. Die oppulente Bilderpracht und Marc Streitenfelds dunkel dräuender und druckvoller Soundtrack benebeln derart die Sinne, dass man das inhaltliche Chaos durchaus zu vergessen geneigt ist. Verfliegt der Rausch, stellen sich aber die Fragen nach der Substanz, die auch nicht einfach mit einem Verweis auf den offensichtlich geplanten Nachfolger zu beantworten sind. Als kluger Science Fiction-Film ist PROMETHEUS klar gescheitert, genauso wie als Charakterstudie. Dass er nur als grandios präsentierte Achterbahnfahrt funktioniert, muss also, gemessen am Anspruch des Filmes, trotz erheblichen Unterhaltungswertes als große Enttäuschung verbucht werden. Und das nicht, weil die Erwartungen unrealistisch hoch waren…

3 Gedanken zu „Rezi: Prometheus (USA, 2012)

  1. wow, welch lange Rezi!
    das spreche ich doch lieber persönlich mit dir drüber. ist hier aber nen würdiger Ersatz, wenn man mal auf dich und deine schöngeistigen Ergüsse in verbaler Form verzichten muss.

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