Rezi: The Fault In Our Stars (USA 2014)

Sensible Gemüter, aufgepasst, THE FAULT IN OUR STARS holt die ganz fetten Gefühls-Böller raus, um auch dem letzten Zuschauer die Tränen aus den Äuglein zu quetschen. Teenager-Romantik mit dem über der Liebe hängenden Damoklesschwert Krebs ist schon mal ein guter Anfang, aber längst nicht alles, was der Film auffährt. Wie wäre es mit einem von generösen Unbekannten spendierten Amsterdam-Urlaub für das dem Schicksal verfallene junge Paar, bei dem die Liebenden nicht nur fürstlich und fremdfinanziert im Edelrestaurant speisen dürfen, sondern auch beim Besuch im Anne-Frank-Haus die Emotionen des Publikums mit angedeuteten Parallelen weidlich melken, bevor sie sich den ersten Kuss geben, begleitet vom krampfig-spontanen Beifall der Umstehenden. Dass die beiden Sechzehnjährigen das Leben des jeweils anderen mit Weisheiten, die eines greisen Philosphen würdig wären, bereichern, stellt die fettige Sahnesoße auf dem manipulativen Konstrukt dieser Geschichte dar, der überraschenderweise das beeindruckende, unaufgeregte und nuancenreiche Spiel von Hauptdarstellerin Shailene Woodley (DIVERGENT) aber erfolgreich Leben einzuhauchen vermag. Der Zuschauer ist sich der Manipulation seiner Gefühle zwar bewusst, die Emotionen aber, die Woodley auf der Leinwand lebt, wirken echt und gehen, jawohl, ans Herz. Gleiches lässt sich vom Spiel des männlichen Ko-Stars Ansel Elgort (auch aus DIVERGENT bekannt) leider nicht sagen, statt lebensbejahend wirkt seine affektierte Fröhlichkeit in der ersten Filmhälfte häufig eher schon latent psychopathisch. Da kann man fast von Glück reden, dass es in der zweiten Hälfte weniger Grund zum Lachen gibt. Denn das Schicksal ist halt nicht nur ein mieser Verräter, sondern auch ein aufgewühltes Meer von Tränen, vor dessen Riesenwellen man sich genauso vorsehen muss wie vor Klippen und Eisbergen, durch das aber Regie-Steuermann Josh Boone sein Schiff mit den Protagonisten an Bord routiniert steuert, ohne wirklich zu kentern. Große Experimente geht er dabei nicht ein, so dass auch kaum überrascht, dass das Drama von elegischer Klaviermusik und vertraut wirkenden Indie-Popklängen untermalt wird. Und dass nicht alle Passagiere den Hafen erreichen, dürfte bei der Thematik auch niemandem verwundern.
Was bleibt von der Reise sind rote Augen und das schale Gefühl, sich gerade willig vorführen gelassen zu haben. Und ich zumindest habe mich im Anschluss für meine Tränen ein wenig geschämt.

Kurzrezi: The Raid 2 (Indonesien 2014)

Die Fortsetzung des vielumjubelten Actionkrachers aus Indonesien hat diesmal auch mich wirklich überzeugt. Die Geschichte ist breiter angelegt und bietet Raum für mehr Abwechsung, sowohl inhaltlicher als auch visueller Natur. Vor allem aber hat die Action noch einmal deutlich zugelegt. In der ersten Hälfte des zweieinhalbstündigen Films hält sie sich noch ein wenig zurück, um dann aber wahrlich gnadenlos zuzuschlagen. Und das ist keine Übertreibung, THE RAID 2 ist eine ultrabrutale Riesensauerei mit einem Blut- und Gekrösepegel, der die meisten Splatterfilme erblassen lassen dürfte. Der Vorgänger war ja nun auch schon nichts für Zimperliche, aber wer dort schon ob der Härte gezuckt hat, sollte sich von der Fortsetzung unbedingt fernhalten. Glücklicherweise gibt’s nicht nur Schmodder in THE RAID 2, sondern vor allem natürlich hervorragende Stunts und drahtlose Kämpfe, optimal präsentiert durch eine fantastische Kampfchoreographie und komplementierende Kameraarbeit mit Sinn für Übersichtlichkeit und lange Einstellungen. Hauptdarsteller und Kampfchoreograph Iko Uwais mag kein Schauspieltitan sein, hat aber Charisma, Talent (im Gegensatz zum Thai-Action-Star Tony Jaa) und natürlich hochbeeindruckende körperliche Fähigkeiten. Der Showdown ist ein geradezu unglaublich mitreißender, extrem spektakulärer Zweikampf, in dem beide Kämpfer sich wirklich nichts schenken und die Grenzen des menschlichen Körpers offenbar zu überwinden trachten, was mir vor Begeisterung glatt den Unterkiefer runterklappen ließ.
Freunde der schönen und rohen Künste aufgepasst: Den Film muss man sich anschauen!

Kurzrezi: 47 Ronin (USA 2014)

Dieser genretranszendierende Unsinn hat mich ziemlich sauer gemacht. Wer je auf die Idee kam, diese klassische und eigentlich nur in einem streng historischen japanischen Setting funktionierende Geschichte zu einem halbgaren und inkonsequenten Fantasyschinken umzufunktionieren, sollte sich zur Strafe den Rest seines Lebens nur noch Ozu-Filme anschauen dürfen. Keanu Reeves ist hochgradig fehl am Platze, seine starre Mimik und sein Bart lassen Gedanken an Chuck Norris aufkommen. Die japanischen Darsteller sind okay, bekleckern sich aber nicht mit Ruhm und sollten allein schon der Verhurung japanischen Kulturguts wegen bestraft werden. Ach ja, langweilig erzählt ist der Film gerade im Mittelteil auch noch, den Schauwerten sieht man die 175 Millionen US$ nicht an, der Soundtrack ist furchtbar generischer Fließbandmurks. Die Action ist immerhin annehmbar, hat man woanders aber auch schon besser gesehen. Und generell gilt: Wenn schon eine borderline-rassistische Hollywoodvergewaltigung von Samurai-Mythen, dann doch lieber gleich THE LAST SAMURAI.

Rezi: Veronica Mars (USA 2014)

Das Offensichtliche gleich zuerst: Kristen Bell ist älter geworden und mit ihr die von ihr verkörperte Titelfigur. Nun wäre das nicht prinzipiell ein Problem, im VERONICA MARS-Film stellt es aber eins dar.
Die Veronica Mars der Serie ist ein bildhübsches, gerechtigkeitsliebendes, trotz Schicksalsschlägen vor Tatendrang und Draufgängertum sprühendes Mädchen, deren optische Erscheinung wie eine körperliche Manifestation ihres Charakters wirkt: Attraktiv, agil und dank Kristen Bells expressivem Mienenspiel auch außerordentlich lebendig. Der Zuschauer verbindet äußere Erscheinung mit inneren Qualitäten zu eben genau dem, was den Charakter von Veronica Mars ausmacht.
Ein Problem der Figur war aber immer schon, dass Veronica gar nicht so sein will, wie der Zuschauer sie sehen möchte. Ihre Außenseiterrolle ist nicht Resultat eigener Entscheidungen sondern wurden ihr vom Umfeld aufgezwungen, ihre rebellische Art ist nur eine Möglichkeit, mit der veränderten gesellschaftlichen Situation umzugehen. Unter Druck erst wurde aus der oberflächlichen Oberschichten-Kuschlerin die scharfzüngige, findige Teeniedetektivin, die sich im Dienst einer höheren Gerechtigkeit über das geltende Recht regelmäßig hinwegsetzt.
Doch scheint der Charakter Veronica Mars’ weniger ein plastischer denn ein elastischer zu sein. Befreit vom gesellschaftlichen Druck formt er sich zu seiner ursprünglichen Gestalt zurück, VERONICA MARS – DER FILM beginnt.
Zehn Jahre nach dem Finale der zweiten Staffel ist Veronica Anwältin in New York und kurz davor, hochbezahlte Angestellte einer sympathischen Riesenkanzlei zu werden, die Millionklagen gegen ihre Klienten – Großkonzerne – gleich im Keim zu ersticken trachtet. Ein Job also, der Veronica Mars auf die früher von ihr verachtete andere Seite des gesellschaftlichen Spektrum führen würde, und die Ex-Detektivin, die seit den Ereignissen Ende der dritten Staffel ihre Ermittlungsarbeit völlig aufgegeben hat, ist entschlossen, ihn anzunehmen. Zur neuen gesellschaftlichen Position passt auch Veronica Mars’ Äußeres: Die schlanke Agilität wich mütterlichen Rundungen (ein wohlwollender Euphemismus für die auffälligen Reiterhosen und dicken Hüften), die ausdrucksstarken Züge der jungen Ermittlerin machten Platz für eine deutlich steifere Mimik und Maskenhaftigkeit im Gesicht, die den Charakter wie ein vierzigjähriges Trophy Wife wirken lassen.
Als die Handlung des Filmes – Veronica muss ihren ehemaligen On-Off-On-Off-Boyfriend Logan Echolls vom Mordverdacht an seiner Ehefrau befreien – die Anwältin zurück nach Neptune, Schauplatz der Serie, bringt, riskiert Veronica Mars ihren unmittelbar bevorstehenden Sprung in die obere Mittelschicht und kehrt zu ihren unfreiwilligen Wurzeln zurück. Wer möchte auch schon Veronica Mars als Unternehmensanwältin sehen. Verständlicher- aber dennoch traurigerweise kann die äußere Erscheinung Veronicas die innere Wandlung nicht nachvollziehen, resultierend in einer Wahrnehmungsdissonanz zwischen wieder sympathisch rebellischem Underdog-Gehabe und tussiger Erscheinung. Nun könnte man für dieses Erscheinungsbild einfach die Darstellerin Kristen Bell verantwortlich machen, die seit der Serie natürlich gealtert ist und einige Monate vor Drehbeginn Mutter geworden war, was nicht folgenlos für ihre Figur blieb. Leider thematisiert das Drehbuch diese Veränderungen nicht einfach, sondern versucht stattdessen, diesen Umstand konsequent zu vertuschen. Von ihren Freunden bekommt Veronica zu hören, dass sie sich überhaupt nicht verändert habe und aussähe wie früher, was sie aber deutlich nicht tut. Die Inszenierung folgt dieser Linie und versucht mittels Bildgestaltung und Ausleuchtung die körperliche Veränderung Veronica Mars’ zu verschleiern. Diese Verschleierungstaktik erzeugt ein Gefühl von eitler Unehrlichkeit, nicht folgenlos für die Gesamtwirkung des Filmes im Vergleich zur Serie. Denn obwohl Veronica in letzterer zwar mit Vehemenz der Gerechtigkeit zuliebe log und täuschte, so war ihr Charakter dabei doch immer ehrlich zu sich selbst. Vor allem aber wurde der Zuschauer ehrlich behandelt, wenn Veronica log, war das Publikum ihr Kumpane. Im Film kann man sich hingegen des Eindrucks nicht erwehren, dass auch der Zuschauer hinters Licht geführt werden soll, und das aus einem sehr oberflächlichem Grunde. Eine der größten Stärken der Serien-Veronica – Authentizität – bleibt dabei leider auf der Strecke.
Wer sich beim Lesen gerade fragt, warum verdammt nochmal bisher soviel über die Figur Veronica Mars und ihre Darstellerin und so wenig über den Rest zu lesen war, dem sei gesagt: Die Serie VERONICA MARS lebt von ihrer titelgebenden hochsympathischen und faszinierenden Protagonistin, welche wiederum von Kristen Bell derart kongenial verkörpert wurde, dass man Schwierigkeiten hat, Figur und Darstellerin klar voneinander abzugrenzen. VERONICA MARS steht und fällt mit Veronica Mars und ihrer Darstellerin, und die Hauptprobleme der Kinofortsetzung resultieren aus einem Harmonieverlust des angesprochenen Dreiklangs.
Zweitwichtigster emotionaler Anker der Serie iat Veronicas Vater Keith Mars. Der Privatdetektiv ist nicht nur unfreiwilliger Ideenstifter für das Hobby seiner Tochter, die nahezu bedingungslose Liebe und Freundschaft der beiden füreinander bildet einen soliden Felsen, der die kleine Familie in der Sturmflut aus Mord, Verrat und Intrigen überleben lässt. Ein emotionales Fundament, auf das auch der Zuschauer bauen kann bei seinem Abgleiten in die moralischen Untiefen und Abgründe von Neptunes High Society. Im Film ist dieses familiäre Band deutlich weniger präsent. Vater Keith, immer noch Privatdetektiv, wirkt nicht nur älter, sondern auch ängstlicher und weniger vital. Und bedingt durch die räumlich Trennung und Veronicas eigener Karriere sind die beiden leider auch nicht mehr das eingespielte, symbiotisch wirkende Team von früher. Klar, Vater und Tochter lieben sich noch sehr, aber die Zeiten, als man sich auch ohne Worte instinktiv verstand, sind vorbei. Ob man diese Wandlung der Beziehung filmkritisch positiv oder negativ sieht, liegt vermutlich beim Zuschauer selbst, ein wenig traurig stimmt sie aber allemal.
Verglichen mit diesen zwei gewichtigen Veränderungen, Veronicas und die ihrer Beziehung zum Vater, bewegt sich der Rest des Filmes trotz des erwartbaren Mord und Totschlags in emotional ruhigereren Gefilden. Logan Echolls, ehemaliger Bad Boy, jetziger Navy Leutnant, ist ausgeglichener, aber auch ein wenig langweiliger als einst, die restlichen Charaktere hingegen sind nur Nebenfiguren und funktionieren eher als amüsanter Fanservice – schließlich ist der Film ein von Fans finanziertes Kickstarter-Projekt – denn als handlungstreibende Elemente. Nett ist es schon, ihnen wiederzubegegnen, die eine oder andere alte Rechnung beglichen zu sehen, erzählerisch spielen sie aber kaum eine Rolle.
Keine Rolle spielen leider die noch ausstehenden Antworten auf offene Fragen der TV-Serie, die Geheimgesellschaft The Castle wird zum Beispiel gar nicht erwähnt, auch nicht die Konsequenzen der Sheriffswahl. Stattdessen wird auf einen weitesgehend eigenständigen Plot gesetzt, der zwar alte Bekannte involviert, aber auch losgelöst von der Serie funktioniert. Die Aufklärung des Mordes gestaltet sich interessant, wird jedoch sehr locker und gelegentlich unfokussiert erzählt, eben um den angesprochenen Fanservice einbinden zu können. Spannend wird’s vor dem dramatischen Finale nur sporadisch, die Noir-Atmosphäre stimmt aber genauso wie der – aus Mangel an einem besseren Begriff – Soap-Faktor.
Ein unterhaltsames Krimi-Abenteuer mit gewohnt knackigen Dialogen wartet hier durchaus auf jeden Marshmellow (Selbstbezeichnung von VERONICA MARS-Fans), aber auch die kalte Dusche der Desillusionierung. Die alte Veronica gibt’s nicht mehr, die neue muss – in kommenden Romanen und eventuellen, von den Beteiligten angepeilten Fortsetzungen – zeigen, ob sie sich ihrem alten Ich zumindest wieder annähern kann. Die Zeichen stehen nicht schlecht, denn – soviel sei gespoilert – New York wird nach dem Film wohl ohne Veronica auskommen müssen.

Rezi: Elysium (USA; 2013)

Subtil ist sie gerade nicht, die mit grober Kelle ausgeteilte Schelte am Egoismus der westlichen Wohlstandsgesellschaft in Neill Blomkamps ELYSIUM. Was in Blomkamps Vorgängerprojekt, dem preisgekrönten Big-Budget-Independentfilm DISTRICT 9, noch mit viel (schwarzem) Humor und diversen hintergründigen Anspielungen angerichtet wurde, steht in ELYSIUM schwarz-weiß gemalt und todernst inszeniert im Mittelpunkt eines spektakulären Science-Fiction-Actioners, der, soviel sei schon verraten, immerhin blendend zu unterhalten vermag. Die Ausbeutung, Ausgrenzung und Entrechtung der ELYSIUM-Welt mögen etwas sehr simpel und undifferenziert dargestellt worden sein, die Geschichte vom unterdrückten und geschundenen Working-Class-Hero, der sich gegen das System erhebt, verfehlt ihre Wirkung dennoch nicht. Matt Damon verkörpert den glaubwürdigen und gerade in der ersten Filmhälfte auch sympathischen Filmhelden Max da Costa, der ambivalent genug gezeichnet wurde, um in der dreckigen Slumwelt, als welche die Erde im 22.Jahrhundert dargestellt wird, nicht unpassend strahlend herauszufallen. Ziel seiner Sehnsüchte ist die gigantische Raumstation Elysium, eine Art orbitaler Gated Community, in der es weder Hunger noch Verbrechen gibt und alle Arten von Krankheiten und körperlichen Gebrechen mittels Heilbett kuriert werden können. Gerade letzterer Aspekt wird für Max sehr interessant, bei einem Arbeitsunfall stark verstrahlt hat er ohne High-Tech-Hilfe nur noch fünf Tage zu leben. Der Weg ins Elysium ist selbstverständlich mit Hindernissen reichlich gespickt, unter denen die Distanzüberwindung sich noch als eines der geringeren erweist. Denn die Bewohner des High-Tech-Paradieses möchten ihren Wohlstand natürlich nicht an Massen schmutziger Afrikaner, sorry, Erdenbewohner verlieren und greifen bei der Besitzstandswahrung zu rabiaten Mitteln.
Dank dieser kann sich ELYSIUM in ein attraktives Gewand aus stylishen Mecha-Apperaturen, feurigen Explosionen und im Kugelhagel zerberstendem Inventar hüllen, mit dem sich der Film der Konkurrenz zu seriösen, der Thematik möglicherweise gerechter werdenden Arthouse-Produktionen entzieht und sich eher dem Kampf mit den TRANSFORMERS und PACIFIC RIMs dieser Welt stellt. Und siehe da, verglichen mit der hirnzerbröselnden Dummheit eines TRANSFORMERS 2 oder eines BATTLESHIP steht ELYSIUM inhaltlich sehr gut da. Natürlich macht es Bloomkamp sich ein wenig einfach, wenn er seinen Realschüler von Film in den Wettbewerb mit Hauptschulverweigerern schickt, aber wenigstens hat er seinen Schützling soweit fit gemacht, dass er sich wehren kann, wenn ihm die düpierten Konkurrenten den Schlüpfer über den Kopf ziehen wollen.
Wenn es in ELYSIUM kracht, dann wirklich ausgesprochen spektakulär. In anderen Filmen mögen zwar die Explosionen ausufernder, der Bodycount höher oder die Roboter größer sein, Bloomkamps Inszenierung macht aber aus jeder Auseinandersetzung ein mitreißendes, fantastisch choreografiertes Ereignis von fiebriger Intensität. Die Kamera wackelt dabei gelegentlich schon deutlich, ihre Bewegungen wurden aber derart geschickt in die Sequenzen montiert, dass die Übersicht nie verloren geht.
Inhaltlich läuft ELYSIUM seinem Regisseur und Drehbuchautor mit fortschreitender Laufzeit hingegen etwas aus dem Ruder. Spätestens wenn sich der Film seinem Finale nähert, verzichtet das Drehbuch fast vollständig auf sinnvolle Erklärungen und Motivationen und lässt Helden und Antagonisten sich ihren Weg zum Ziel, Elysiums Zentralcomputer, einfach freiballern. Die Lösung des Konflikts erscheint dann auch als Deus Ex Machina und mündet in einem allerliebsten Happy End. Ende gut, alles gut? Könnte man trotz aller Kritik fast dennoch sagen, schließlich prescht der Film mit hohem Tempo nach vorn, die Story bleibt stets spannend, die Charaktere interessant. Nun, zumindest die meisten: Max‘ Buddelkastenfreundin und Irgendwie-Love-Interest Frey ist eine ganz grauenhafte Figur, völlig eindimensional als ewig bangende und leidende Mutter angelegt, frei von komplementierenden Eigenschaften. Und als wenn Max‘ Strahlenkrankheit als Auslöser für menschliches Drama nicht reichen würde, hat Frey auch noch eine läukemiekranke Tochter im Endstadium, deren Dialogzeilen selbst den hollywoodüblichen Kitsch- und Manipulationsrahmen zum Bersten bringt. Ganz übel und eigentlich nur noch schäbig zu nennen.
Jodie Fosters Charakter als zentrale Antagonistin hätte sicher auch noch ein paar Persönlichkeitsfacetten mehr vertragen können, funktioniert als konsequente Pragmatikerbitch aber doch recht gut.
Genauso wie auch ELYSIUM als Ganzes recht gut funktioniert. Angesichts des hervorragenden DISTRICT 9, der die Mischung aus Gesellschaftskommentar, Unterhaltung und Krawall deutlich zwingender und eleganter hinbekam, ist die dezente Enttäuschung über den doch recht platten ELYSIUM nicht ganz zu verhehlen. Ähnlich wie nach OBLIVION bleibt die Erkenntnis, sich zwei Stunden gut unterhalten zu haben, aber auch das flaue Gefühl, dass hier ein großer Film am Ziel vorbeigefahren ist.

Rezi: Sharknado (USA 2013)

Den Produzenten von Hits wie TRANSMORPHERS, I AM OMEGA, THE TERMINATORS, TITANIC 2 und, ja, ATLANTIC RIM verdanken wir SHARKNADO, das hirnerweichende All-Shark-Vehikel, welches der amerikanische Spartensender SyFy auf die Welt losließ. Die Filmschmiede hinter dem für SyFy-Verhältnisse überraschend erfolgreichen Megatrasher, THE ASYLUM, hat Erfahrung mit filmischen Leckereien dieses Formates: Perlen wie MEGASHARK VS. GIANT OCTOPUS; MEGASHARK VS. CROCOSAURUS oder zuletzt 2-HEADED SHARK-ATTACK zeigen, dass diese Leute ihr Handwerk verstehen. Obwohl, das ist sicher deutlich zuviel gesagt, denn trotz Erfahrung im Metier wirkt SHARKNADO erfrischend dilettantisch in jeder Hinsicht. Über den Realitätsbezug der Story zu reden, wäre noch idiotischer als die Story selbst, belassen wir es einfach mit dem Hinweis, dass die Geschichte ziemlich genau das ist, was man von einem Film namens SHARKNADO erwartet. Auch der Hinweis auf die Qualität der Effekte ist wohl eher unnötig, wobei die Qualitätsspannweite doch ganz ordentlich ist: Einer vergleichsweise eindrucksvoll getricksten Krawallszene mit einem losgelösten Riesenrad, das die Straße herunterpoltert und in ein Haus kracht, stehen z.B. die Tornados selbst gegenüber, deren befremdliches Äußeres ihr Wesen nur vage erahnen lässt. Großangelegt sind viele Effekte allemal, groß ist dann auch das Gelächter, welches sie beim Zuschauer hervorrufen.
Einer Erwähnung wert sind die Darsteller. Tara Reid, immerhin groß als Hauptdarstellerin angekündigt, spielt als in Trennung lebende Ehefrau des eigentlichen Hauptdarsteller Ian Ziering nur die dritte oder vierte Geige. Gott sei Dank, möchte man da sagen, denn vom lustlosen Spiel der gesichtssteifen und talentreduzierten It-MILF mit Botox-Mimik möchte man wohl kaum mehr sehen. Ex-90210-Star Ziering hingegen wirkt trotz fortgeschrittenen Alters jugendlich und dynamisch, wie ein Christian Slater vor der Koks-Kur. In der ersten halben Stunde verblasst er aber gegen HOME ALONE-Papa John Heard, der als versoffener, alter Grabbel-Opa, welcher der Hai-Invasion mit seinem umgedrehten Barhocker bewaffnet entgegentritt, schnell die Lacher auf seiner Seite hat.
Mehr als einen Satz hat aber die Gesamtinszenierung nebst Montage verdient: Sie ist, höflich gesagt, schwer inkonsistent, stylishe Gegenlichtaufnahmen werden neben potthässliche Strandaufnahmen auf schlechtem Heimvideoniveau gepappt, die Farbgebung wechselt von Einstellung zu Einstellung, gleiches gilt für Schärfe und Kontraste. Das Highlight sind jedoch die Anschlussfehler. Zu sagen, dass es viele von ihnen gibt, wäre wie Tara Reid leichte Defizite in der Schauspielkunst zu attestieren, also eine gelinde Untertreibung. Man darf hier eher die Gleichung aufstellen: ein Schnitt = ein Anschlussfehler! So wechselt das Wetter, der Grad der Überschwemmung, die Tageszeit, der Haipegel und vieles mehr im Sekundentakt, weshalb der Zuschauer schon einige Mühe aufbringen muss, die Gesamtsituation im Überblick zu behalten. Wenig hilfreich ist die großzügig eingestreute Stock Footage von allerlei echten Katastrophen, die selten mit dem eigentlichen Filmmaterial harmoniert. So schiebt sich zum Beispiel trotz Hai-Apokalypse der Berufsverkehr seelenruhig durch die Stadt.
Das alles klingt natürlich großartig und hochunterhaltsam, einen satten Nachschub an Alkohol, Drogen oder exotischen Leckfröschen vorausgesetzt, leider ist SHARKNADO aber sehr bieder erzählt und verzichtet nicht auf schon hundertfach gesehene Standardsituationen und lahmes Heldendrama. Eine Hand voll kecker Sprüche lockert die Routine nur ungenügend auf, alles in allem fehlt dem Drehbuch die Leck-mich-am-Arsch-Attitüde der Effekte.
Respekt nötigt der Trailer ab, der den Effektwahnsinn wunderbar effektiv zusammenmontiert und natürlich deutlich furioser wirkt als das etwas schaumgebremste Endresultat, ein Phänomen, das aber auf die meisten, hier im Sinne von „alle“ verwendet, Asylum-Produktionen zutrifft. Der Trashgourmet ist aber dennoch eingeladen, SHARKNADO zu probieren in dem Wissen, dass bei Wohlgefallen noch viel Nachschub vorhanden ist. Nächste Empfehlung: MEGA PYTHON VS. GATOROID

Kurzrezi: Jack The Giant Slayer (US; 2013)

Bryan Singer scheint mit Geld schlecht umgehen zu können. Schon SUPERMAN RETURNS bot erschreckend wenig Schauwerte angesichts des ebenso erschreckend hohen Budgets, nun tarnt auch JACK THE GIANT SLAYER seine rund 200 Millionen US$ hohen Produktionskosten sehr erfolgreich. Der Film folgt dem in letzter Zeit aufgekommenen Trend, simple Märchen und Geschichten fürs Kino irgendwie episch und auch für eine erwachsene Zielgruppe aufzubereiten. HANS UND DIE BOHNENRANKE heißt das zugrundeliegende Märchen, welchem das Drehbuch noch ein paar Wendungen und Ränke hinzudichtet, die den fertigen Film allerdings dennoch nicht gerade für eine Laufzeit von rund zwei Stunden prädestinieren. Wie im vergleichbar konzipierten SNOWWHITE AND THE HUNTSMAN bleibt die Aufregung beim Anschauen des Filmes im eher sublauwarmen Bereich. Hauptdarsteller Nicholas Hoult schafft es trotz spürbaren Bemühens nicht, seiner Heldenfigur Charakter zu verleihen, Jack ist eben der prototypische Märchenheld, der sich während des Abenteuers quasi selbst entdeckt. Der Zuschauer entdeckt an seiner Seite die gewohnte Märchenprinzessin, der pflichtgemäß auch eine Portion Abenteuerlust zuerkannt wurde, welche aber letztlich ihrer traditionellen Frauenrolle nur ein scheinfeministisches Feigenblatt vorhält.
Die zu schlagenden Riesen sind hässliche und tumbe Gesellen, über die man wenig mehr erfährt, als dass sie böse, gefährlich und damit zu bekämpfen sind. Zusätzlich sind sie auch sehr klischeehaft designt und wie der Rest des Filmes visuell alles andere als beeindruckend. In banalen Einstellungen zeigt Singer seine uninspiriert gestaltete und mittelmäßig getrickste Märchenwelt, wer hier auf beeindruckende Augenöffner a la HERR DER RINGE hofft, dürfte enttäuscht werden.
Immerhin schaut sich der Film zügig weg, ebenso zügig ist er aber auch wieder vergessen. Und man kann nur hoffen, dass dieser unselige Märchentrend alsbald ebenso vergessen ist und Geld sowie Talent wieder in echte Epen investiert werden. Genug lohnende Vorlagen gibt es ja.

Rezi: Les Misérables (UK; 2012)

He slept a summer by my side
He filled my days with endless wonder
He took my childhood in his stride
But he was gone when autumn came

In einem denkwürdigen Kontrast zur Gesamtinszenierung präsentiert Regisseur Tom Hooper das wohl bekannteste Lied des Musicals LES MISÉRABLES, das im Film von Anne Hathaway gesungene I DREAMED A DREAM. Während das mittlerweile mit drei Oscars bedachte Musical-Drama fast durchweg auf die ganz großen Bilder, den aufrührerischsten Pathos und die überschäumendste Liebe setzt, fängt Hooper das Klagelied der aus Geldnot zur Prostitution gezwungenen Fantine in einer höchst intim wirkenden Einstellung ganz nahe am Gesicht der Darstellerin ein, die derart ergreifend spielt, dass es dem Zuschauer schier das Herz zerreißen möchte. Musik, Text, Schauspielkunst und Inszenierung bilden in dieser Szene eine Symbiose von später nicht mehr erreichter Intensität. Das soll den Rest des Filmes keineswegs schmälern, stellt I DREAMED A DREAM doch einen emotionalen Anker dar, der das Gesamtwerk trotz des gelegentlich überbordenden Pomps nie allzu weit vom Herzen des Publikums treiben lässt, eine gewisse Musical-Affinität desselben vorausgesetzt.
Wer gesungene Dialoge hingegen als unpassend oder gar störend empfindet, wird hier ein zweieinhalbstündiges Martyrium erleben, denn LES MISÉRABLES ist ein Sing-Through-Musical, wirklich gesprochen werden lediglich eine Handvoll Sätze. Dieser Umstand fordert der prominenten Besetzung einiges ab. Gelegentlich zu viel, denn gerade Hugh Jackman und Russel Crowe mögen großartige Schauspieler sein, der Gesang hingegen ist nicht gerade ihre größte Stärke. Gesangsunterricht versetzte sie zwar in die Lage, die Töne überhaupt zu treffen, doch ihre insbesondere in den höheren Tonlagen dünnen Stimmen stehen im offensichtlichen Gegensatz zu ihrem parallel gezeigten mimischen Talent. Durchweg überzeugen können hingegen die Darstellerinnen, allen voran Anne Hathaway, die mit ihren wenigen Szenen, darunter der oben erwähnten, nachhaltig in Gedächtnis und Herz haften bleibt. Doch auch die in viel zu vielen schlechten Filmen verheizte Amanda Seyfried brilliert als Cosette, Tochter der tragischen Heldin Fantine.
Regisseur Tom Hooper erweist sich wie schon in seinem Vorgängerfilm THE KING’S SPEECH als ausgesprochen fähig, seinen Schauspielern inmitten des Ausstattungsprunks beeindruckende Leistungen zu entlocken und ihre Charaktere trotz des artifiziellen Musical-Ambientes zu glaubwürdigen Personen zu entwickeln. Dennoch muss gesagt werden, dass bei einer Musical-Verfilmung wie dieser die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern nicht vornehmlich auf den Schultern des Regisseurs lastet. Wer erinnert sich bei MY FAIR LADY schon an die Regieleistung George Cukors? Was haften bleibt sind natürlich eher die Geschichte, die Charaktere und vor allem die grandiosen Songs, sprich, die Vorlage. LES MISÉRABLES hat derer gleich zwei: Victor Hugos Roman, in Deutschland bekannt als DIE ELENDEN, dürfte sicher zu den berühmtesten Werken der Literaturgeschichte überhaupt gehören, auf jeden Fall gehört es zu am häufigsten verfilmten. Im Herbst 1980 feierte eine Musicaladaption in Paris ihre Uraufführung, die dann 1985 in Englische übertragen wurde. Diese englische Fassung ist die Grundlage für die Verfilmung, was ein wenig schade ist, denn die englische Sprache ist dem Lokalkolorit des Filmes nicht gerade zuträglich. Auf der anderen Seite ist dem nichtfranzösischen Publikum dadurch der Wortwitz zugänglicher, und die Texte haben es wahrlich verdient, verstanden zu werden. Vom tränendrückenden I DREAMED DREAM über das schwarzhumorige MASTER OF THE HOUSE bis zum politischen RED AND BLACK erweisen sich Herbert Kretzmers Lyrics als perfektes Vehikel, um Victor Hugos Romanhandlung ins Medium Musical zu überführen. Die kongeniale Partitur von Komponist Claude Michel-Schönberg (MISS SAIGON) zaubert darüber einen schwungvollen Melodienrausch, der sich weniger bei aktuellen musikalischen Trends bedient, sondern seine Inspirationen bei klassischeren Quellen sucht. Manches Stück wäre in den Opern und Operetten eines Jaques Offenbach gut aufgehoben, wohingegen andere Lieder der Feder von Rodgers & Hammerstein (SOUND OF MUSIC) entflossen sein könnten. Und in den Chor DO YOU HEAR THE PEOPLE SING?, ein Stück voll von revolutionärem Feuer, mischt sich ganz keck eine markante Tonfolge aus der Internationale. Gemein ist den Songs ein starker Ohrwurmcharakter, der Hang zur Größe und zur Euphorie und die atmosphärische Wandelbarkeit der musikalischen Motive. So kann ein zartes Liebesthema in verändertem Kontext eine halbe Stunde später auch schon mal als Basis für eine dramatische Abschiedsszene dienen. Wer sich auf die Musical-Interpretation einer so ernsten und dramatischen Geschichte einlassen kann, wird von LES MISÉRABLES’ dicht geknüpftem Lieder- und Klangteppich emotional ordentlich durch die Mangel genommen und schlussendlich geplättet entlassen.
Die Kraft und Gefühlsgewalt, die Liedern, Inszenierung und Darstellerleistungen innewohnt, verdrängt die durchaus vorhandenen Schwächen des Filmes aus dem Aufmerksamkeitsradius des Zuschauers und verleiht der immer noch höchst relevanten Romanhandlung Victor Hugos eine solch sprühende Vitalität, wie man es angesichts des Reigens bisheriger und fast durchweg hervorragender LES MISÉRABLES-Verfilmungen nicht für möglich gehalten hätte. So wird aus der Entertainmentidee „Musical-Adaption“ ein sinnvolles, fürs Publikum regelrecht euphorisierendes Alleinstellungsmerkmal.

Rezi: Chinese Zodiac (Armour Of God 3); HK/China 2012

Freiheit sei für Chinesen vielleicht nicht das Richtige, diese würden dann doch glatt machen, was sie wollten, so und ähnlich äußerte sich Hongkongs prominentester Filmexport Jackie Chan in den letzten Jahren immer mal wieder. Und zu Beginn dieses Jahres ließ er wissen, dass er gegen die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Hongkong sei, führe diese doch immer wieder zu Stimmungen gegen die chinesische Führung. Es wundert nicht, dass angesichts dieser Ansichten dem unangefochtenen Superstar der Martial-Arts-Comedy in seiner Heimatstadt mittlerweile der eisige Hauch der Verachtung ins knollennasige Gesicht weht, eine Verachtung, die sich natürich auch sehr deutlich an der Kinokasse niederschlägt. Schon seit Jahren schneiden die aufwändigen Produktionen des einstigen Hitgaranten dort immer schlechter ab, wohingegen er große Erfolge in der Volksrepublik selbst einfährt. Dementsprechend passt Jackie Chan auch seine Filme immer mehr den Bedürfnissen des rotchinesischen Publikums an, besonders offensichtlich in 1911 REVOLUTION, einem steifen, schlecht erzählten Historienepos ganz ohne typische Jackie Chan-Qualitäten. Doch auch das neueste Werk des Film-Tausendsassas trägt schwer mit der Last propagandistischer Vergangenheitsaufarbeitung und auffälliger Systemtreue, was dem unbeschwerten Spaß, für den Jackie Chan-Filme ja im Allgemeinen stehen, nicht gerade zuträglich ist. Besonders schade, da es sich bei CHINESE ZODIAC (CZ12) um das Regiecomeback Chans nach 22-jähriger Abstinenz und um den dritten Teil der beliebten ARMOUR OF GOD-Reihe, in Deutschland besser bekannt als DER RECHTE ARM DER GÖTTER und MISSION ADLER, handelt.
Diese beiden Actionabenteuer aus den Achtzigern wandelten recht offensichtlich auf INDIANA JONES‘ Spuren und glichen den Mangel an einem vernünftigen Drehbuch, Spannung und tollen Effekten mit einem gut aufgelegten Hauptdarsteller und natürlich jeder Menge spektakulärer Action aus. CHINESE ZODIAC hingegen mutet zumindest in der ersten Hälfte eher nach einem grotesken MISSION IMPOSSIBLE-Klon an, ein Überaufgebot an Gadgets soll offenbar über den deutlich Mangel an Action hinwegtrösten. Die Mission besteht darin, wertvolle historische Tierbüsten aus Bronze wiederzubeschafften, die während des zweiten Opiumkrieges im neunzehnten Jahrhundert von Briten und Franzosen aus dem chinesischen Sommerpalast geraubt worden waren. Doch Jackie wäre nicht der rechtschaffene Parteiliebling, wenn er bei diesem Auftrag für seine westlichen Geldgeber nicht sein Gewissen entdecken und letztlich darum kämpfen würde, die Nationalschätze wieder in die Heimat zurückzuführen.
Die Idee, der Abenteuergeschichte durch einen ernsthaften Bezug zur Geschichte mehr Relevanz und Dramatik zu verleihen, ist so schlecht eigentlich gar nicht, was Chan daraus aber macht, schon. Mit dem verbalen Holzhammer lässt er insbesondere eine jugendliche Protagonistin ihre Anschuldigungen bezüglicher westlicher Verbrechen an China loslassen, meist gerichtet an eine junge Französin, deren Urahne wohl irgendwie in den Vorfall verstrickt war. Die plumpe, undifferenzierte Art der Anklage und die haarsträubende Selbstgerechtigkeit der „Anklägerin“ entwertet das im Kern hehre Anliegen völlig. Damit nicht genug darf Chan auch ungefragt und überhaupt reichtlich unmotiviert seine persönlichen Ansichten zu Protesten, die bitte ja die gesellschaftliche Ordnung nicht berühren sollen, zum Schlechtesten geben, wohlgemerkt von einem Charakter, der hier im Film einen besseren Dieb darstellt.
Sei’s drum, man kann davon ausgehen, dass ein westlicher Vertrieb die besagten Szenen wohl rausschneiden oder umsynchronisieren wird und man den Rest dann unbeschwert vom ideologischen Ballast genießen kann. Doch herrscht wenigstens dort eitel Sonnenschein? Kurz gesagt: Nein! CHINESE ZODIAC orientiert sich an der Struktur des direkten Vorgängers, MISSION ADLER. Jackie darf sich auch diesmal mit einer bunten Truppe herumschlagen, die aus uninteressanten männlichen Pappnasen und drei Frauen besteht, wobei letztere als abenteuerfilm-typisches Beiwerk fungieren und kreischender- und zeternderweise noch jedes Fettnäpfchen, in das getreten werden könnte, in einen Fettsee, durch den man waten muss, verwandeln. Wer den Vorgänger kennt, ist mit diesem Prinzip vertraut, diesmal wird es aber noch nerviger und unlustiger ausgespielt und lässt jedes Maß vermissen. Dies trifft auch auf den Rest des Humors dieses Filmes zu, alte, schale Gags schlecht aufbereitet, bekannte Slapstickszenen mit großem Aufwand und wenig Geschick neu dargeboten, abgeschmeckt mit schlechten Effekten und offensichtlichen Kulissen, die CHINESE ZODIAC im Vergleich zu den ersten beiden Teilen reichlich alt aussehen lassen. Doch wer Jackie Chan-Filme mag, will ja nicht nur was zum Lachen, sondern auch was zum Staunen, im Allgemeinen in Form von spektakulärer Action. Wie schon angedeutet macht aber auch diese sich eher rar im jüngsten Werk, wobei alles ganz hoffnungsvoll beginnt. Die erste große Actionszene ist eine ausufernd angelegte Fluchtsequenz in einem ungewöhnlichen Vehikel, einem Rollanzug, in dem Jackie Straße abwärts an Militärposten und -gerät aller Art vorbei flitzt, virtuos und teilweise gar schwindelerregend von der Kamera eingefangen. Nach diesem begeisterndem Intro darf sich der actionhungrige Zuschauer dann aber auf eine Radikaldiät einstellen, die von gelegentlichen drögen Reiswaffeln in Form von wenig interessanten, häufig erschreckend schlecht getimten Mini-Scharmützeln und einem schwer verdaulichen Krawallkloß im Pappmaché-Piratenumfeld mehr schlecht als recht aufgelockert werden. Die einzige echte Jackie Chan-Kampfsequenz, zeitlich kurz vor dem eigentlichen Showdown angesiedelt, ist dann auch das Highlight des Filmes, in ihr beweist Jackie, dass er es mit knapp 60 Jahren immer noch drauf hat. Behind-the-scenes-Material zeigt zwar, dass der Altstar diesmal kräftig auf die Hilfe von Seilen vertraut, was die Wirkung der auch immer wieder mit neuen Ideen und Moves aufwartenden Actionszene aber kaum schmälert. Hier möchte sich der Jackie Chan-Fan vor Rührung und Begeisterung fast eine Träne aus den Äuglein wischen, dass in all dem Müll von Ideenmangel, verqueren Ideologien, grotesken Songs (ja, auch das) und faulem Budenzauber doch noch ein Edelstein gar hell zu funkeln vermag. Dazu sagt Jackie Chan allerdings: „Schluss jetzt!“ und klebt noch einen völlig behämmerten Effektshowdown hinten dran, der ein wenig an das unselige Finale von FIRST STRIKE mit seinem Unterwasserkampf gemahnt. Die aktuelle Schnapsidee: Ein Kampf beim Skydiving! Offensichtlich ist für diesen Film natürlich niemand wirklich aus dem Flugzeug gesprungen, warum auch, wenn es Windmaschine, Greenscreen, Stricke und Archivaufnahmen gibt, die sich trefflich miteinander kombinieren lassen. Darum schaut man ja auch einen Jackie Chan-Film, um sich zunächst belehren und als Plünderer und Brandschatzer beschimpfen zu lassen und dann mit zweifelhaftem Effektzirkus verwöhnt zu werden.
Den Chinesen hat’s offenbar gefallen, während CHINESE ZODIAC in Hongkong mal wieder floppte (womit Chan offenbar gerechnet hat, ist der Film doch statt wie früher in Kantonesisch diesmal in Mandarin gedreht, wenn nicht gerade schauderhaft in Englisch geradebrecht wird), sprengte er in China die Kinokassen. Angesichts dieses Erfolges sind die Aussichten eher gering, Jackie Chan könnte sich die in Hongkong und im Westen geäußerte Kritik irgendwie zu Herzen nehmen. Immerhin, als nächstes steht ein neuer POLICE STORY-Teil an, inszeniert von Ding Sheng, dem Regisseur des besten Jackie Chan-Films der letzten Jahre, LITTLE BIG SOLDIER. In diesem eher klein angelegten, recht mutigen Film verkörpert Jackie Chan einen einfachen Soldaten, der sich in einer feindseligen, gewalttätigen Welt durchschlagen muss und dabei schlitzohrig seine Umgebung überlistet, aber auch zur Waffe greift, wenn es darum geht, am Leben zu bleiben. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der CHINESE ZODIAC-Jackie Chan dem Little Big Soldier empfehlen würde, seinen Platz in der Gesellschaft anzuerkennen und sich für seine Herren beim nächsten Gefecht einfach abschlachten zu lassen. So ein Film ist CHINESE ZODIAC.

Rezi: Der Hobbit (USA 2012)

Jede gute Geschichte hat es verdient, ausgeschmückt zu werden. Das zumindest glaubt Peter Jackson, der dies zur argumentativen Verstärkung auch gleich Gandalf selbst in seiner Filmadaption von Tolkiens THE HOBBIT sagen lässt. Über die Plausibilität dieser Aussage lässt sich jedoch streiten. THE HOBBIT ist bekanntermaßen Tolkiens erster Ausflug in die Welt von Mittelerde, ein Testballon, der sich primär an ein jüngereres Publikum richtet und in Sachen Komplexität und Dramatik bewusst deutlich schlichter als die berühmtere Nachfolgetrilogie ausfällt.
Jackson jedoch plante, aus der Vorlage ein würdiges Prequel zu seinen drei Hitfilmen zu machen und walzte die dünne Geschichte so stark aus, dass sie, angereichert mit Material aus dem HERR DER RINGE-Anhang, ein runde neun Stunden langes und wieder auf drei Filme verteiltes Epos ergaben, dessen erster Teil gerade erfolgreich in den Kinos startete.
Und um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Dieses Streckung des Materials merkt man dem Film gerade in der ersten Hälfte auch überdeutlich an. Schon die visuell höchst beeindruckende Eröffnungsszene ist eine fast unsinnig fett aufgeblähte Banalität: Den Zwergen geht es in ihrem unterirdischen Königreich richtig gut, sie schwimmen geradezu buchstäblich in einem Meer aus Goldmünzen. Da kommt der böse Riesendrache Smaug, der auch auf Gold und Glitzer steht, speit Feuer, röstet einen Großteil der Zwerge, vertreibt den Rest und macht sich’s in den verlassenen Hallen gemütlich. Soweit, so mäßig interessant, erzählt wird dieser Vorfall, den man bequem später hätte kurz schildern können, in einer turbulenten Sequenz aus Kamerafahrten durch die ziemlich beeindruckende Zwergenarchitektur, derweil ein Erzähler das Ohr des Rezipienten mit in ergriffen brüchiger Stimme vorgetragenen Details über auch später offenbar nicht relevante Personen und mysteriöse Funde strapaziert.
Nach dieser Achterbahnfahrt der Gefühle geht’s für die nächste Stunde sehr viel gemächlicher weiter. Die Zwerge wollen nämlich ihr schönes Domizil zurück, ein Vorhaben, das von ihrem guten Kumpel Gandalf unterstützt wird. Dieser glaubt seltsamerweise, dass dieser Unternehmung die Mitwirkung eines Hobbits sehr zuträglich wäre, und dieser Hobbit ist niemand anders als Frodos guter alter, hier dann eher junger Oheim Bilbo. Und um diesen zur Kooperation zu bewegen, halten Gandalf und seine kleinwüchsigen Freunde es offenkundig für eine gute Idee, bei Bilbo vorstellig zu werden, sich selbst in dessen bekanntermaßen sehr gemütliche Bude einzuladen und dann die vorhandenen Vorräte zu plündern. All dies wird mit der epischen Grandezza eines Asterix-Comics erzählt und inszeniert, nicht nur die Zwergenfrisuren erinnern an die gallischen Rabauken. Schon eine dreiviertel Stunde, gefüllt mit Spaß, Gezeter und zweifelhaften Kalauern, später beginnt dann das Abenteuer, und am Ende des Filmes ist man immerhin weitergekommen.
Trotz des offenen Endes kann die zweite Hälfte des Filmes durch stärkeren Fokus sowohl auf die Geschichte und ihre Einbettung ins Herr der Ringe-Universum als auch auf dramatische Auseinandersetzungen der spektakulären Art punkten. Schon in Bruchtal, wie im ersten HERR DER RINGE der Wendepunkt der Reise, treffen wir alte Bekannte und mit ihnen vertraute Storyelemente sowie musikalische Themen. Durch Verweise auf kommende Ereignisse legt sich ein subtil drohender Schatten über die bisherige heitere Ausgelassenheit, auch wenn die Atmosphäre weiterhin deutlich unbeschwerter als in der Nachfolgetrilogie bleibt. Es geht halt „nur“ um das Schicksal eines fremden Zwergenvolks, der Heimat des Titelhelden droht keine Gefahr. Wenn es etwas an der zweiten Filmhälfte auszusetzen gibt, dann die geradezu unverhältnismäßige Actionlastigkeit. Die Heldengruppe gerät von einer Krawallszene in die andere, von denen einige trotz großartiger Schauwerte durchaus verzichtbar scheinen. Die Begegnung mit den Felsgiganten zum Beispiel fügt der Erzählung nichts hinzu außer zusätzlichen Rabatz, die Flucht aus der Goblinstadt nimmt in ihrer Übertreibenheit schon cartooneske Qualitäten an, mal wieder fühlt man sich an die schon erwähnten Gallier erinnert. Großartigen Unterhaltungswert bieten diese Szenen natürlich allemal, aber es fehlt das Gefühl aus HERR DER RINGE, einem echten und sich ernst nehmendem Epos beizuwohnen. Dieses vertraute Gefühl stellt sich dafür bei der ersten Begegnung mit Gollum ein. Diese von Martin Freeman und Andy Serkis fantastisch gespielte Szene wagt einen Balanceakt zwischen Komik und Bedrohung und meistert diesen mit Bravour.
Generell entlässt der Film den Zuschauer versöhnt, nach einer atemberaubenden finalen Auseinandersetzung verabschiedet sich DER HOBBIT mit einer gelungenen Verheißung auf die Weiterführung des Abenteuers. Das musikalische Hauptmotiv des Streifens erklingt in Liedform über den Abspann, ganz wie gewohnt, und tröstet ein wenig über die Unausgewogenheit der beiden Filmhälften hinweg. Es bleiben aber ambivalente Gefühle zurück, allen voran die Frage, warum eigentlich die Geschichte nicht wie im Buch und in einem Film erzählt wurde, warum hier unbedingt wieder ein Epos entstehen musste. Ein anderer, unvorbelasteter Regisseur wäre hier vielleicht wirklich der geeignetere Mann gewesen und hätte der Kinderbuchvorlage gerechter werden können. Manchmal braucht man auch den Mut, Kleines klein zu lassen.