Rezi: Der Hobbit (USA 2012)

Jede gute Geschichte hat es verdient, ausgeschmückt zu werden. Das zumindest glaubt Peter Jackson, der dies zur argumentativen Verstärkung auch gleich Gandalf selbst in seiner Filmadaption von Tolkiens THE HOBBIT sagen lässt. Über die Plausibilität dieser Aussage lässt sich jedoch streiten. THE HOBBIT ist bekanntermaßen Tolkiens erster Ausflug in die Welt von Mittelerde, ein Testballon, der sich primär an ein jüngereres Publikum richtet und in Sachen Komplexität und Dramatik bewusst deutlich schlichter als die berühmtere Nachfolgetrilogie ausfällt.
Jackson jedoch plante, aus der Vorlage ein würdiges Prequel zu seinen drei Hitfilmen zu machen und walzte die dünne Geschichte so stark aus, dass sie, angereichert mit Material aus dem HERR DER RINGE-Anhang, ein runde neun Stunden langes und wieder auf drei Filme verteiltes Epos ergaben, dessen erster Teil gerade erfolgreich in den Kinos startete.
Und um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Dieses Streckung des Materials merkt man dem Film gerade in der ersten Hälfte auch überdeutlich an. Schon die visuell höchst beeindruckende Eröffnungsszene ist eine fast unsinnig fett aufgeblähte Banalität: Den Zwergen geht es in ihrem unterirdischen Königreich richtig gut, sie schwimmen geradezu buchstäblich in einem Meer aus Goldmünzen. Da kommt der böse Riesendrache Smaug, der auch auf Gold und Glitzer steht, speit Feuer, röstet einen Großteil der Zwerge, vertreibt den Rest und macht sich’s in den verlassenen Hallen gemütlich. Soweit, so mäßig interessant, erzählt wird dieser Vorfall, den man bequem später hätte kurz schildern können, in einer turbulenten Sequenz aus Kamerafahrten durch die ziemlich beeindruckende Zwergenarchitektur, derweil ein Erzähler das Ohr des Rezipienten mit in ergriffen brüchiger Stimme vorgetragenen Details über auch später offenbar nicht relevante Personen und mysteriöse Funde strapaziert.
Nach dieser Achterbahnfahrt der Gefühle geht’s für die nächste Stunde sehr viel gemächlicher weiter. Die Zwerge wollen nämlich ihr schönes Domizil zurück, ein Vorhaben, das von ihrem guten Kumpel Gandalf unterstützt wird. Dieser glaubt seltsamerweise, dass dieser Unternehmung die Mitwirkung eines Hobbits sehr zuträglich wäre, und dieser Hobbit ist niemand anders als Frodos guter alter, hier dann eher junger Oheim Bilbo. Und um diesen zur Kooperation zu bewegen, halten Gandalf und seine kleinwüchsigen Freunde es offenkundig für eine gute Idee, bei Bilbo vorstellig zu werden, sich selbst in dessen bekanntermaßen sehr gemütliche Bude einzuladen und dann die vorhandenen Vorräte zu plündern. All dies wird mit der epischen Grandezza eines Asterix-Comics erzählt und inszeniert, nicht nur die Zwergenfrisuren erinnern an die gallischen Rabauken. Schon eine dreiviertel Stunde, gefüllt mit Spaß, Gezeter und zweifelhaften Kalauern, später beginnt dann das Abenteuer, und am Ende des Filmes ist man immerhin weitergekommen.
Trotz des offenen Endes kann die zweite Hälfte des Filmes durch stärkeren Fokus sowohl auf die Geschichte und ihre Einbettung ins Herr der Ringe-Universum als auch auf dramatische Auseinandersetzungen der spektakulären Art punkten. Schon in Bruchtal, wie im ersten HERR DER RINGE der Wendepunkt der Reise, treffen wir alte Bekannte und mit ihnen vertraute Storyelemente sowie musikalische Themen. Durch Verweise auf kommende Ereignisse legt sich ein subtil drohender Schatten über die bisherige heitere Ausgelassenheit, auch wenn die Atmosphäre weiterhin deutlich unbeschwerter als in der Nachfolgetrilogie bleibt. Es geht halt „nur“ um das Schicksal eines fremden Zwergenvolks, der Heimat des Titelhelden droht keine Gefahr. Wenn es etwas an der zweiten Filmhälfte auszusetzen gibt, dann die geradezu unverhältnismäßige Actionlastigkeit. Die Heldengruppe gerät von einer Krawallszene in die andere, von denen einige trotz großartiger Schauwerte durchaus verzichtbar scheinen. Die Begegnung mit den Felsgiganten zum Beispiel fügt der Erzählung nichts hinzu außer zusätzlichen Rabatz, die Flucht aus der Goblinstadt nimmt in ihrer Übertreibenheit schon cartooneske Qualitäten an, mal wieder fühlt man sich an die schon erwähnten Gallier erinnert. Großartigen Unterhaltungswert bieten diese Szenen natürlich allemal, aber es fehlt das Gefühl aus HERR DER RINGE, einem echten und sich ernst nehmendem Epos beizuwohnen. Dieses vertraute Gefühl stellt sich dafür bei der ersten Begegnung mit Gollum ein. Diese von Martin Freeman und Andy Serkis fantastisch gespielte Szene wagt einen Balanceakt zwischen Komik und Bedrohung und meistert diesen mit Bravour.
Generell entlässt der Film den Zuschauer versöhnt, nach einer atemberaubenden finalen Auseinandersetzung verabschiedet sich DER HOBBIT mit einer gelungenen Verheißung auf die Weiterführung des Abenteuers. Das musikalische Hauptmotiv des Streifens erklingt in Liedform über den Abspann, ganz wie gewohnt, und tröstet ein wenig über die Unausgewogenheit der beiden Filmhälften hinweg. Es bleiben aber ambivalente Gefühle zurück, allen voran die Frage, warum eigentlich die Geschichte nicht wie im Buch und in einem Film erzählt wurde, warum hier unbedingt wieder ein Epos entstehen musste. Ein anderer, unvorbelasteter Regisseur wäre hier vielleicht wirklich der geeignetere Mann gewesen und hätte der Kinderbuchvorlage gerechter werden können. Manchmal braucht man auch den Mut, Kleines klein zu lassen.

Kurzrezi: The Bullet Vanishes (Hongkong; China 2012)

Den ziemlich desaströsen Zustand des zeitgenössischen HK-Kinos kann man unter anderem daran erkennen, dass ein Film wie THE BULLET VANISHES fast durchweg lobend rezensiert wurde. Dabei ist THE BULLET VANISHES ein überdeutliches Rip-Off der Guy Ritchie-SHERLOCK HOLMES-Filme, und den Vorbildern in wirklich jeder Hinsicht unterlegen. Die Story ist okay und nicht unspannend, wird gegen Ende aber immer wirrer und präsentiert mal mindestens einen Twist zuviel. Die Protagonisten sind nicht übel gezeichnet, verblassen aber gegen die schillernderen, ambivalenteren und deutlich witzigeren HOLMES-Charaktere. Auch darstellerisch kommt TBV nicht mit. Zwar ist Lau Ching-Wan gewohnt gut, aber schon bei Nicholas Tse wird’s zweifelhaft, gerade in seinen emotionaleren Momenten versagt der Bursche mal wieder.
Die Schauwerte des Filmes hingegen passen, sind aber trotz üppigen Budgets denen der beiden SHERLOCK HOLMES deutlich unterlegen. Zudem ist es komisch, dass man ausgerechnet die Action deutlich zurückgenommen hat, der einzig wirkliche Shootout ist mit seiner Zeitlupen-Zerbrösel-Ästhetik auch deutlich vom Wald-Shootout aus dem zweiten HOLMES entlehnt. Mehr als deutlich orientiert sich dann auch der Score an den Vorbildern, von Tommy Wai natürlich eher schlecht als recht nachempfunden, der offenbar das Schulorchester aus HEROIC DUO wiederverpflichtet hat. In einer ohnehin schon üblen Romantik/Sexszene jault eine Geige wirklich mitleidserregend schief durch die Partitur.
In quasi jeder Hinsicht deklassiert fehlt THE BULLET VANISHES trotz mancher Meriten und grundsätzlich mehr als solider Qualität einfach eine Daseinsberechtigung. Mit mehr Eigenständigkeit hätte hier ein richtig guter Krimi entstehen können, so ist es eher seichte Durchschnittskost, was angesichts der großartigen Frühwerke von Regisseur Law Chi-Leung (z.B. DOUBLE TAP und INNER SENSES) sehr enttäuschend ist.

Rezi: Looper (USA; 2012)

Eher abseits des grellen Rampenlichts, gewissermaßen durch die Hintertür, hat sich LOOPER in die Kinos geschlichen, ein mit 60 Millionen US Dollar vergleichsweise preiswerter Science-Fiction-Thriller, prominent besetzt mit Bruce Willis und Joseph Gordon-Levitt (THE DARK NIGHT RISES). Aufhänger des Filmes sind Zeitreisen, die in Zukunft 1, in der die Rahmenhandlung des Filmes spielt, noch nicht erfunden sind, in der 30 Jahre späteren Zukunft 2 jedoch schon. Dort nutzt das organisierte Verbrechen Zeitreisen, um unliebsame Personen zurück in Zukunft 1 zu schicken, in der sie postwendend von angeheuerten Killern, Loopern genannt, per Shotgun ins Nirvana befördert werden. Der neue, grausame Pate der Zukunft-2-Mafia beginnt nun aber, die 30 Jahre älteren Looper aus Zukunft 2 nach Zukunft 1 zu schicken, wo sie von ihren jüngeren Ichs ermordet werden sollen. Looper Joe (Joseph Gordon-Levitt) ist bei Ankunft seiner älteren Version (Bruce Willis) so verdutzt, dass er Old Joe entkommen lässt. Um nicht von seinen eigenen Kollegen getötet zu werden, nimmt Joe die Jagd auf, während Old Joe wiederum eigene Pläne verfolgt, die Zukunft umzugestalten.
Zeiteisegeschichten neigen dazu, sich durch ein allzu verworrenes Spiel mit den diversen Paradoxa selbst ein Bein zu stellen sowie schnell unübersichtlich und undramatisch zu werden. LOOPER hingegen besticht neben einer Anzahl wirklich interessanter, teilweise reichlich abgründiger Ideen (z.B. Verstümmelung eines jungen Loopers, deren Auswirkungen man parallel an dessen 30 Jahre älterem Pendant sieht) vor allem durch seine erzählerische und dramaturgische Stringenz. Auf den Fersen eines moralisch eher fragwürdigen Haupthelden lernt der Zuschauer das Filmuniversum kennen und verstehen, nur die Verwirrungen des Protagonisten führen auch zu solchen des Publikums. Auf den im Genre üblichen Technikfetischismus wird verzichtet, stattdessen konzentriert sich LOOPER auf gut ausgearbeitete Charaktere, deren Schicksal erfreulich intensiv auf dass Gemüt des Zuschauers schlägt.
Ein wenig zweifelhaft ist die Entscheidung, die Rahmenhandlung unnötigerweise in der Zukunft anzusiedeln, die mangels Budget sehr inkonsequent visualisiert wurde. Da es dort keinerlei für die Story essentielle futuristische Gadgets gibt, könnte die Zukunft 1 durchaus auch die Gegenwart sein, hier wollte man offenbar beim SciFi-Publikum punkten. Die in spröden, farbentsättigten Bildern eingefangenen urbanen Szenerien wurden mittels CGI-Gebäuden und Vehikeln leicht aufgepeppt und verbreiten unwohlig dystopisches Flair. Mit den fantastischen Bilderwelten eines MINORITY REPORT oder TOTAL RECALL (Remake) kann LOOPER aber nicht mithalten. Gleiches gilt auch für die diversen Actionszenen, die durch blutige Härte bestechen, aber zum einen sehr bodenständig, zum anderen aber gelegentlich auch eher schludrig (das Massaker im Looper-HQ) inszeniert sind.
Allerdings verblassen diese Kritikpunkte angesichts der ungeheuer dichten Atmosphäre, der wendungsreichen fiesen Geschichte, und auch der überzeugenden Darstellerleistungen, wobei vor allem Gordon-Levitt auffällt, der Bruce Willis‘ Mimik und Manierismen offenbar sorgfältig studiert hat und von gutem Make-up unterstützt ein glaubwürdiges junges Ebenbild des Actionveteranen abgibt.
Für Freunde des fantastischen Films ist LOOPER nach einer Odyssey von Enttäuschungen und Peinlichkeiten, von BATTLESHIP über PROMETHEUS bis RESIDENT EVIL: RETRIBUTION, endlich ein Genrebeitrag, der ohne Wenn und Aber empfohlen werden kann, ein Film, bei dem Mitdenken nicht zu einem Verlust an Unterhaltungswert führt, ganz im Gegenteil.

Rezi: Saikano – The Last Lovesong On This Little Planet (Japan; 2005)

Die Liebe ist ein seltsames Spiel, fürwahr, davon wusste schon die Schlagerkuh Connie Francis ein nerviges Lied zu singen. Da haben wir zum Beispiel in Taikan Sugas Manga-Realverfilmung SAIKANO, dem angeblich letzten Liebeslied auf diesem kleinen Planeten, ein Liebespaar, welches zum einen aus Shuji besteht, einem Schüler, welcher aussieht wie ein auf Teenie-Popstar gebürsteter hässlicher Mittdreißiger inklusive gigantischer Gelfrisur, die ihn mal eben 15 cm größer macht, zum anderen Chise, seine immerhin nicht gänzlich unhübsche Mitschülerin und Irgendwie-Freundin, welche aber offensichtlich an galoppierender Gesichtsverhärtung leidet und damit ebenso wie ihr spackiger Freund zur mimischen Umsetzung ihrer Gefühle nur in Ansätzen in der Lage ist.
Chise hat außerdem noch einen Nebenjob als ultimative Waffe des japanischen Militärs, welcher sie zwingt, das eine oder andere sogenannte Techtelmechtel mit ihrem Gesichtsfasching von Freund vorzeitig abzubrechen und als robotischer Todesengel Volk und Vaterland vor den verheerenden Angriffen einer ominösen und nicht weiter spezifizierten Allianz zu retten. Denn es herrscht Krieg im Land der aufgehenden Sonne, ein Krieg, von dem die Einwohner Sapporos allerdings nur gelegentlich etwas mitbekommen.
Gleich zu Beginn des Filmes wird der Zuschauer Zeuge eines alliierten Bomberangriffes auf die Heimatstadt unseres jungen Pärchens, welche auch kräftig in Mitleidenschaft gezogen wird, allerdings kann Chises Eingreifen das Schlimmste verhindern. Schon bald herrscht wieder eitel Sonnenschein im japanischen Norden und die Protagonisten können sich endlich wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung hingeben, endlosen auf der Stelle tretenden Gesprächen über Sinn und Unsinn des Lebens, der Liebe, ihrer Liebe im ganz speziellen, gelegentlich auch über den Krieg, welcher, so finden beide Liebenden, gar schröcklich ist. Denn des Krieges wegen muss Chise ihren unansehnlichen Lover regelmäßig verlassen, was nicht unbedingt zum Gedeihen ihres jungen Glücks beiträgt, zumal das in Chise integrierte Waffenarsenal immer weiter durch das Militär aufgestockt wird und sie sich dadurch ihrem Menschsein entfremdet.
Wie echte Menschen handeln aber unsere liebenden Helden schon vorher nicht unbedingt, statt die Liebe zu leben, labern sie lieber darüber, statt sich offen auszusprechen, vielleicht auch darüber, warum ausgerechnet Chise vom Militär als Superwaffe auserkoren wurde, bevorzugt man, sich misszuverstehen, und Shuji sieht zudem auch noch aus wie ein gesichtsgelähmter Marsianer.
Was Chise und Shuji aneinander finden bleibt ein großes Geheimnis, Chemie existiert zwischen ihnen jedenfalls keine, gemeinsame Interessen gibt es auch nicht, was immerhin auch kurz im Film thematisiert wird, dem Sex sind die beiden von einem einmaligen, ganz extrazarten Ausrutscher abgesehen, auch eher abhold, ein Wunder dass die zwei bei ihren ermüdenden und ereignislosen Schäferstündchen nicht vor Langeweile sterben.
Dem Zuschauer dagegen könnte dies durchaus passieren, denn die nur selten von kurzen Spektakelintermezzos unterbrochenen Dialog-Marathons legen sich in ihrer inhaltlichen und visuellen Kargheit schwer aufs Gemüt des Rezipienten, ganz sicher kein Film für depressive Gemüter. Strick, Rasierklinge oder Schierlingsbecher sollte man also tunlichst vor dem Filmgenuss sicher verstauen, könnten sie doch sonst als verlockende Alternative zu weiteren quälenden Filmminuten erscheinen.
Die ganz harten Zeitgenossen werden dann in den letzten zehn Minuten weichgeklopft, erst enttäuscht sie der Film mit einem sehr kurzen Effektshowdown, daraufhin dürfen Shuji und Chise jeweils noch einmal fünf Minuten in dümmlichsten und abgedroschendsten Phrasen über die Liebe monologisieren, danach ist dann endlich Schluss, 120 Minuten wirklich schlecht inszenierten Sci-Fi-Romantik-Trauerspiels finden ihr mehr als verdientes Ende.
Was bleibt ist ein trüber Nachgeschmack von verschenkten Möglichkeiten, schließlich ist die Mangavorlage, bei uns als SHE-The Ultimate Weapon erschienen, durchaus reizvoll, die Effektszenen sind zwar rar, von der Hongkonger Effektschmiede MENFOND (ULTRAVIOLET, TWINS EFFECT) aber durchaus kompetent realisiert, auch der orchestrale Soundtrack wird zwar etwas sehr schmierig und manipulativ eingesetzt, ist aber sehr ordentlich komponiert und eingespielt.
Diesen wenigen Meriten zum Trotz stellt SAIKANO so ziemlich den Bodensatz japanischen Effektkinoschaffens dar, welcher selbst von mäßig begeisternden Werken wie DEVILMAN oder CUTEY HONEY locker übertroffen wird. Wer sehen möchte, wie aus ähnlichen Zutaten ein deutlich beeindruckenderes und besseres Werk geschaffen werden kann, dem sei Kazuaki Kiriyas aufregender CASSHERN wärmstens empfohlen.
SAIKANO – The Last Lovesong On This Little Planet dagegen sollte tunlichst gnädigem Vergessen anheim fallen, beweist er doch, dass die Liebe nicht nur ein seltsames Spiel ist, sondern zuweilen auch ein echt lausiges Lied abgibt.

Anime-Rezi: 5 Centimeters Per Second (Japan; 2009)

Makoto Shinkai ist ein Bildmagier, kurz und bündig. Schon in seinen ersten Arbeiten wie dem Schwarz-Weiß-Kurzfilm SHE AND HER CAT bewies der Anime-Auteur viel Gespür für Atmosphäre, neben dem Detailreichtum der Zeichnungen ist es besonders der offensive Lichteinsatz, welcher die Stimmung von Shinkais Wunderwelten prägt.
Auch sein neuestes Werk, die Anime-Anthologie 5 CENTIMETERS PER SECOND, ist einmal mehr ein augenöffnendes Erlebnis, in welchem eine gewöhnliche japanische Großstadtstraße ähnlich viel Magie versprühen darf wie eine nächtliche Landschaft unterm Mondenschein. Da wird der feucht-leuchtende Asphalt zum Lichterdschungel, eine zarte Lichtreflektion zum ätherischen Ballett, die den Sonnenschein lasierenden und strukturierenden Wolken zum Lichtweber.
Wer dem Genre Anime vornehmlich der Ästhetik wegen zugetan ist, der tut gut daran, sich im visuellen Rausch von Shinkais Werken zu verlieren, aus denen die etwas härter wirkenden Charakter zwar immer etwas herausfallen, die aber doch attraktiv genug daherkommen, um das Erlebnis nicht wirklich zu schmälern.
Der visuelle Rausch mag auch den einen oder anderen Rezensenten geblendet haben, denn die allgemeine Rezeption darf als übermäßig enthusiastisch bezeichnet werden. Dabei herrscht bei 5 CENTIMETERS keineswegs eitel Sonnenschein,bedrohen doch dunkle Wolken inhaltlicher Dürftigkeit den großartigen Ausblick.
Makoto Shinkai ist nämlich nicht nur ein Bildmagier, sondern leider auch ein Schwätzer vor dem Herren, der seine banalen Geschichten mit einem Übermaß an gerne in geschwollenem Ton vorgetragenen Off-Monologen andickt.
Beherrschendes Thema in 5 CENTIMETERS sind Beziehungen und was Distanz, gleichermaßen räumlicher, zeitlicher und sozialer Natur, aus ihnen macht. Das klingt mäßig interessant und eher wie ein Thema für eine akademische Studie, birgt aber in geschickten Händen durchaus ein gewisses Potential in sich.
Shinkai hat allerdings eher die erzählerischen Pfoten eines Grobschmiedes, weswegen er zur Verdeutlichung seines Anliegens Charaktere präsentiert, die völlig uninteressant sind, weil sie einfach nicht ordentlich etabliert und vorgestellt werden. Noch ehe wir etwas Genaueres über die Protagonisten erfahren, dürfen wir ihnen bereits beim Runterleiern „gedankenschwerer“ Plattheiten und schwulstiger Bekenntnisse beiwohnen. Jeder Gedankenpups wird von unseren jugendlichen Helden in dramatisch-möglichster Form zum Besten gegeben, jede Zuneigungsbekundung mit Hölderlinschem Pathos verkündet.
Mir zumindest fällt es sehr schwer, mich auf diese Art von unsensibel erzählter Pubertärschmonzette einzulassen, wer sich allerdings den Texten und Gedanken von Reimdreschern wie UNHEILIG verbunden fühlt und Xavier Naidoo für einen wahren Poeten hält, der könnte Gefallen finden an der unbeholfenen Art, mit der Shinkai Leben und Liebe reflektiert.
Der Rest darf sich darüber ärgern, dass eine wunderschöne und durchaus auch originäre Bildsprache durch den profanen und prätentiös erzählten inhaltlichen Ballast kräftig runtergezogen wird. Es bleibt die Hoffnung, dass Shinkai sich bei seinen nächsten Projekten mit fähigeren Autoren zusammentut, es wäre einfach schade, sein Talent als visueller Virtuose auch weiterhin durch seine mangelhaften Fähigkeiten als Geschichtenerzähler beeinträchtigt zu sehen.

Kurzrezi: Snow White And The Huntsman (USA; 2012)

Entsetzlich langweiliges, mäßig gespieltes und visuell konventionelles Fantasy-Märchen, dessen Regisseur sich auf Dramaturgie offenbar genauso wenig versteht wie auf Schauspielführung und Actioninszenierung. Ohne die omnipräsenten Zeitlupeneinstellungen wäre der Film wahrscheinlich eine gute halbe Stunde kürzer, und jede bei diesem Schnarchfest eingesparte Minute wäre eine gewonnene Minute. Zwischen Schneewittchen und ihren beiden Galanen besteht nicht einmal ein Hauch von Chemie, Chris Hemsworth wirkt einmal mehr wie ein dezent aufgehübschter Chuck Norris, Kristen Stewart gibt sehr augenscheinlich alles, was sie hat, leider beileibe nicht ausreichend, um ihrer ohnehin schon platt geschriebenen Figur Leben einzuhauchen. Für einen gelegentlichen Lacher sind immerhin die Overacting-Ausbrüche Charlene Therons gut, aber auch ihre böse Königin ist nur wenig vielschichtiger als das Disney-Pendant. Auch das uninteressante Production Design verleiht dem Film kaum Eigenständigkeit, ebenso der mediokre Score, der wie das Gesamkunstwerk unentschlossen zwischen Klassik und Moderne schwankt und nie Zähne zeigt. Und an dieser fehlenden Courage scheitert letztlich SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN genauso wie am mangelnden Talent des Regiedebütanten, für den dabei bekanntermaßen aber immerhin ein Fick mit der Hauptdarstellerin raussprang. Der Zuschauer hingegen ist wie der vormalige Stewart-Gspusi Robert Pattinson der Gelackmeierte.

Rezi: The Expendables 2 (USA; 2012)

Obwohl scheinbar wie für mich gemacht, hat mich der erste EXPENDABLES nicht wirklich begeistern können, zu offensichtlich war das Kalkül, zu platt die Sprüche, zu durchschnittlich die Action. Die in Bulgarien runtergekurbelte Fortsetzung folgt exakt dem gleichen Muster, verschiebt aber ein wenig die Regler am Mischpult. Das kommt insbesondere der Action zugute, welche in ähnlichem Maße vorhanden ist wie beim Vorgänger, qualitativ aber deutlich höher anzusiedeln ist. Die Eröffnungsszene des Filmes ist eine spektakuläre und virtuos inszenierte Actionsequenz, die leider mehr verspricht, als das Gesamtwerk dann halten kann. So fette Explosionen, so ausufernde Zerstörung und so blutige Einschüsse gibt es später nicht mehr, was nicht heißt, dass die Action, insbesondere im Finale, nicht immer noch spektakulär wäre.
Spektakulär ist auch der Inhalt, beziehungsweise der Mangel an solchem: Über die öde Geschichte braucht man nicht zu reden, bemerkenswert sind aber die Dialoge. Unterhalten wird sich ausschließlich in Phrasen, für die kein Wortspiel zu platt und kein Kalauer zu alt ist, als dass man sie nicht dennoch verwendet hätte. Hinzukommt, dass die ersetzbaren Helden quasi jede ihrer Handlungen mit großteils unterirdischen One-linern kommentieren, was gerade auch die Action schon deutlich in den Bereich der Parodie verlagert. Auf die Spitze getrieben wird die Wirkung dieser Humorattacke durch eine völlig ungelenk übersetzte Synchro, in der ein wild grimassierender Dolph Lundgren „Friss Scheiße!“ ruft und statt des auch schon fremdscham-evozierenden „I declare you man and knife!“ von Jason Statham ein „Ich ernenne (?!) euch zu Mann und Messer!“ vorgetragen wird. Glücklicherweise streckt der TRANSPORTER-Star die derart angeredeten Büttel nieder, bevor sie peinlich berührt erröten können.
Auf diese Weise wird sich durch den Film gescherzt, aufgelockert durch die gelegentliche Action, in der freilich locker weitergeflachst wird. Konterkariert wird das heitere Treiben durch sporadisches und völlig unpassendes Gemenschel, welches sich um die von Liam Hemsworth verkörperte Figur rankt. Der kleine Bruder des Thor-Darstellers müht sich vergebens, seinem Schafsgesicht glaubwürdige Emotionen zu entlocken, die Plattitüden, die das Drehbuch offenbar für bewegende Gefühlsoffenbarungen hält, lassen das Bemühen aber von vornherein unsinnig erscheinen.
Das Finale stellt dann auch eher einen Höhepunkt in Sachen Albernheit denn Spektakel dar, mit seiner direkt geäußerten „Schieß auf irgendwas!“-Attitüde ein Flughafen-Terminal auseinandernimmt und ganze Legionen von ausnehmend nicht zielen könnender Schergen von unseren betagten Stars, allen voran Arnie und Chuck Norris, über den Jordan schicken lässt. Sly darf sich hingegen mit dem sympathisch schräg rüberkommenden van Damme messen, der, vielleicht zum letzten Mal, seine berühmten Spin Kicks zum Besten gibt. Letztlich gewinnt natürlich allen Spin Kicks zum Trotz das Gute in Form von wuchtigen, bodennahen MMA-Moves. Das Kluge hingegen hat sich gleich zu Beginn verabschiedet, was wenig verwunderlich ist. Man kann dennoch darauf hinweisen, dass im Gegensatz zum Vorgänger und so manch anderem vergnüglichen Genrevertreter THE EXPENDABLES 2 nicht nur kein intelligenter Film ist, sondern ein explizit und schmerzhaft dummer. Ein verfilmter Rülpser, für den man kein Schöngeist sein muss, um sich beleidigt zu fühlen, für den man aber auf jeden Fall sehr straff oder auf andere Art und Weise umwölkt sein sollte, um Spaß zu haben. Wie sagt’s Volker Pispers so schön: „Da stößt doch Alkohol an die Grenzen seiner Möglichkeiten!“.

 

Kurzrezi: Ex Drummer (Belgien; 2007)

Formal gut gemachter, wenn auch prätenziöser, pseudorealistischer Wichtigtuer von Film, der provozieren möchte, ob seiner Substanzlosigkeit aber im Allgemeinen kalt lässt. Es gibt durchaus intensive Szenen, die aber eher selbstzweckhaft eingestreut sind und nicht vermögen, emotionale Spannung den ganzen Film durch zu generieren. Immerhin, der Humor funktioniert (vielleicht hätte man aus derm Stoff eine schwarze Komödie machen sollen), die Schauspieler sind großartig, aber der Schmutz, in dem sie agieren, wirkt platziert, so dass ihr Talent als verschwendet betrachtet werden darf. Im Prinzip ist EX DRUMMER Porno für Arthouse-Voyeure, denen beim Betrachten inszenierten Unterschichten-Lebens ein wohliger Schauer über den Rücken läuft. Wer´s braucht…

Rezi: Total Recall (USA, 2012)

Yeah, die dreitittige Nutte aus dem Arnie-TOTAL RECALL is back! Kult, ihr Nerds! So subtil präsentiert sich der Auftritt besagter Dame, die einst in Paul Verhoevens SciFi-Actioner ein netter Blickfang in einer von Mutanten gut besuchten Mars-Kaschemme war, im neuen Remake jedoch völlig ohne Mutanten-Kontext eher für Stirnrunzeln sorgt. In den durchgestylten und fast ausschließlich von schönen Menschen bevölkerten Bilderwelten wirkt sie wie ein Fremdkörper und offenbart sich als billiger Gimmick, um sich bei Fans des 1990er Streifens anzubiedern.
Unauthentisch könnte man ihren Auftritt nennen, unauthentisch wirkt auch manch anderes im Film. Der Verhoeven-Film ist im Prinzip ein vulgär wirkendes, durchtriebenes, geschmackloses, beizeiten auch mal ganz schön hässliches Miststück, welches bei näherer Hinwendung ein wenig aus dem Mund riecht, dafür aber prima, na, sagen wir küssen kann. Niemand, den man den Eltern vorstellen würde, der aber stets für Spaß und manche Überraschung gut ist. Len Wisemans Neuauflage ist hingegen eine perfekt aussehende Blondine, die sich stets zu benehmen weiß, Jura studiert, als Zeichen der Unangepasstheit aber ein Nabelpiercing trägt. Wow! Natürlich kann man mit der auch Spaß haben, aber man bekommt letztlich, was man erwartet.
Im Falle dieses Filmes ist es die sanft variierte, in ihren Grundfesten aber übernommene Geschichte der Erstverfilmung, welche um das eine oder andere saftige oder schmutzige Detail bereinigt wurde. Kennt man das Original, erwarten einen hier keinerlei Überraschungen, was dem Unterhaltungswert nicht gerade zuträglich ist. Die kontroverse Brutalität blieb ebenso auf der Strecke, genauso wie die offenbar von einem repräsentativen Teil der Zielgruppe als albern betrachteten Mutanten- und Alien-Subplots. Erfreulicher ist der Verlust der trashigen Ausstattung, Pappmaché- und Wellblechkulissen wichen beeindruckenden Designs und großartig getricksten Stadtpanoramen, welche zum Teil an bekannte Vorbilder wie BLADE RUNNER oder I, ROBOT erinnern, durch ihren Fokus auf Höhe aber auch genug Eigenständigkeit mitbringen, um sich des Plagiatsvorwurfs erfolgreich erwehren zu können.
Offenbar kaum im Fokus des STIRB LANGSAM 4-Regisseurs stand die Atmosphäre, einer der Punkte, mit denen das Verhoeven-Original noch heute auftrumpfen kann: Geschickt eingestreute Mysterien, sinnvolle Tempowechsel und Jerry Goldsmiths wegweisender Score sorgen für ein breites Spektrum von Emotionen, denen das Remake zwei Qualitäten entgegenstellt: Hochgeschwindigkeitstempo und Krach. Dabei sorgt das hohe Tempo leider nicht für äquivalent hohe Spannung, vergaß man doch bei all der Hatz, den Charakteren Leben einzuhauchen. Corin Farell mag der bessere Schauspieler sein als Arnold Schwarzenegger, einen besseren Douglas Quaid gibt er leider nicht ab, zu konturlos ist seine Figur abseits der Action, Besser schlagen sich da die Damen, gerade Kate Beckinsale verkörpert die Bitch absolut glaubwürdig und jagt mit einer Besessenheit und Konsequenz ihrem „Ex-Mann“ hinterher, die eines Terminators würdig ist. Doch auch Jessica Biels Leistung gefällt, allerdings sind sich die beiden Gegenspielerinnen optisch zu ähnlich, da boten Sharon Stone und Rachel Ticotin im Original einen stärkeren und durchaus sinnvollen Kontrast.
Immerhin in den zahlreichen und ausufernden Actionszenen des Remakes scheinen sich alle drei Hauptdarsteller so wohlzufühlen wie Fische im Wasser. Von dynamischen Kampfszenen über Parkour-artige Verfolgungsjagden zu Fuß bis hin zu schnittigen Shootouts mit ordentlich Körpereinsatz wird ihnen einiges abverlangt, im Zusammenspiel mit der virtuosen Choreografie, der sich stets nah am Geschehen befindlichen, aber nur selten zur Unübersichtlichkeit neigenden Kamera und der zügigen Montage von Christian Wagner (MAN ON FIRE; THE ISLAND) entstehen mitreißende, beizeiten gar augenöffnende Action-Set Pieces, die dem doch recht betulich wirkenden Original deutlich die Show stehlen.
Aber Action ist gerade in einem Film wie diesem nicht alles, und der im Prinzip immer noch sehr spannenden Geschichte ist es abträglich, wenn jede Wendung und Enthüllung im Krawall untergeht, so schön er auch sein mag. Und so stellt sich, wie bei bei so manch attraktiver Blondine, zu schnell eine gewisse Gleichgültigkeit und Langeweile ein, etwas, das es in Verhoevens angetrashtem Original nie gab.

Rezi: Safe (USA, 2012)

Der neueste Beitrag in einer mittlerweile endlos scheinenden Abfolge von immer ähnlichen Actionflicks mit TRANSPORTER-Star Jason Statham ist SAFE, dessen Trailer einmal mehr die nur noch mäßig schmackhafte Mixtur aus Standard-Plot, Standard-Charakteren und der gewohnten Action versprach. Entgegen der daraus resultierenden gedämpften Erwartung ist SAFE aber ein ziemliches Brett, welches den Zuschauer zunächst mit seinem Protagonisten durch ein Tal der Tränen und Demütigungen schickt. Diese Tortur lässt beim Publikum ordentlich emotionalen Druck entstehen, der sich dann aber freudvoll entladen kann, denn die Stunde der Vergeltung kommt natürlich, und das mit der Gewalt eines Dampfhammers. Statham arbeitet sich wie ein Yojimbo auf Speed durch die Gegnerschaaren, spielt konkurrierende Banden gegeneinander aus, jagt in wilden Verfolgungsjagden durch die New Yorker Innenstadt, seinen Weg mit Leichen und materiellem Kollateralschaden pflasternd. Ein wenig erinnert das wilde Treiben an CRANK, allerdings besitzt SAFE ein konventionelleres erzählerisches Fundament, welches es dem britischen Actionstar erlaubt, einige der eher wenigen emotionalen Momente seiner Leinwandkarriere erfreulich glaubwürdig zu spielen. Denn Statham ist hier nicht nur todbringender Engel der Vergeltung, sondern auch Schutzengel für ein chinesisches Mädchen, dessen phänomenales numerisches Gedächtnis einen Code enthält, für den die feindlichen Parteien über Leichen gehen.

Das Einbinden dieses speziellen Talents und seine Benutzung erscheint leider ebenso erzwungen wie der Grund für Stathams Schutzengelrolle, aber auf Realismus und Nachvollziehbarkeit sollte man das Script sowieso besser nicht abklopfen, ist es doch vornehmlich Mittel, um zum richtigen Zeitpunkt Spannung und Emotionen zu triggern, nicht um diese langwierig zu entwickeln. Auch die Kamera sorgt für immer neue, kurzfristige Reize, schnelle Schnitte und fiebrig zitternde Bilder bringen den unmittelbaren Flash, und das sehr wirkungsvoll.

Die derart erzeugten Gefühle flauen naturgemäß schnell ab, weswegen der Film mit enormem Tempo auch gar nicht erst Leerlauf aufkommen lässt. Die anderthalb Stunden vergehen wie im Flug, was mehr ist, als man über viele andere Statham-Filme wie THE MECHANIC oder BLITZ sagen kann. SAFE ist reinste Unterhaltung, und dabei eher Bungie-Jump als Kettenkarussel.